Wirthschaft und Mode.
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der neuen Collectionen. Vor einigen .Taliren genügte es vollkommen,wenn die Musterzeichner eine Collection abgesetzter Sachen, worunterhöchstens noch einige Rheingoldstreifen sich befanden, vorlegte. Manwählte eine Anzahl Dessins für Atlasfond, Ripscreme und einige ein-fache Grundbildungen, bestellte noch einige Rheingoldstreifen und Trauer-crepes und war mit dem Musterzeichner fertig. Tauchte einmal etwasNeues auf, und das war damals nicht schwer, so wurde eine odermehrere Saisons nebst der jetzt gänzlich verschwundenenNachmusterung fast weiter gar nichts gemacht, als (folgt eineAufzählung stereotyper Muster). Alles dieses waren Artikel, welcheandauernd und mit Erfolg gemustert wurden.“
Bei dieser Sachlage ist es leicht verständlich, dass die Fabrikantenhocherfreut sind, wenn ihnen von irgendwoher die Möglichkeit ge-schaffen oder vergrössert wird, „Neuerungen“ an einem Artikel vorzu-nehmen, mit anderen Worten, ihn der Mode mehr als bisher zu unter-werfen. So lesen wir in einemBericht aus der Cravattenbranclie (Con-fectionär vom 13. VII. 1899): „Es ist nicht zu verkennen, dass derOravattenfabrikation ein sich immer mehr vergrösserter Spielraum beider Auswahl der Stoffe eingeräumt wird . . . Die früher als verpöntgeltenden Nüancen schmeichelten sich allmählich ein. Je mehr dieFarbenscala an Umfang gewinnt, um so interessanter und vortheilhafterdürfte sich das Geschäft für die Fabrik und den Detailleur gestalten,weil unter diesen Bedingungen häufiger ein radicaler Genre-wechsel vor sich gehen kann, den die früheren Verhältnisse verboten.Die Mode ist in das Gebiet der Herrencravatten-Confection einsrezosjenund regt alle betheiligten Factoren zu rühriger Thätigkeit an.“
Damit nun aber dieses immer heftigere Concurrenzstreben derUnternehmer untereinander auch wirklich immer den Effect des Mode-wechsels habe, müssen noch einige andere Bedingungen in dem socialenMilieu erfüllt sein, so wie es heute der Fall ist. An sich wäre es ja
möglich, dass ein Concurrent dem andern durch grössere Güte oder
Billigkeit einer nach Form und Stoff unveränderten Waare zuvor-zukommen suchte. Warum durch den Wechsel der Mode? Zunächstwohl deshalb, weil hierdurch noch am ehesten ein fictiver Vorsprungerzeugt wird, wo ein wirklicher nicht möglich ist. Es ist immerhinnoch leichter, eine Sache anders, als sie besser oder billiger herzustellen.
Dann kommt die Erwägung hinzu, dass die Kaufneigung vergrössert
wird, wenn das nene Angebot kleine Abweichungen gegenüber demfrüheren enthielt: ein Gegenstand wird erneuert, weil er nicht mehr„modern“ ist, trotzdem er noch längst nicht abgenutzt ist: die berühmte„Meinungsconsumtion“ Storch’s. Endlich wird damit der von unsgekennzeichneten Stimmung des Menschen heutzutage Rechnung ge-tragen, die dank ihrer inneren Unrast auch eine gesteigerte Freude am