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Wirtschaft und Mode.
Wechsel haben. Aber der entscheidende Punkt ist mit alledem nochnicht getroffen; das ist vielmehr folgender: Es ist einer der Haupttricksunserer Unternehmer, ihre Waare dadurch absatzfähiger zu machen,dass sie ihr den Schein grösserer Eleganz, dass sie ihr vor Allem auchdas Ansehen derjenigen Gegenstände geben, die dem Consum einersocialen höheren Schicht der Gesellschaft dienen. Es ist der höchsteStolz des Commis, dieselben Hemden wie der reiche Lebemann zu tragen,des Dienstmädchens, dasselbe Jackett wie seine Gnädige anzuhaben,der Fleischersmadam, dieselbe Plüschgarnitur wie Geheimraths zu be-sitzen u. s. w. Ein Zug, der so alt wie die sociale Differenzirung zusein scheint, ein Streben, das aber noch niemals so vortrefflich hat be-friedigt werden können, wie in unserer Zeit, in der die Technik keineSchranken mehr für die Contrefat^on kennt, in der es keinen noch sokostbaren Stoff, keine noch so complicirte Form gibt, als dass sie nichtzum Zehntel des ursprünglichen Preises alsobald in Talmi nachgebildetwerden könnten. Nun ziehe man des Weiteren in Betracht das rasendschnelle Tempo, in dem jetzt irgend eine neue Mode zur Kenntniss desHerrn Toutlemonde gelangt: mittels Zeitungen, Modejournalen, aberauch in Folge des gesteigerten Reiseverkehrs etc.
Wie mir ein hiesiger Confectionär klagte: vor ein paar Jahrennoch, wenn da der Reisende mit der neuen Mustercollection in derkleinen Stadt ankam und seine Koffer auszupacken begann, da sammeltesich ein Kreis staunender Bewunderer um das Mädchen aus der Fremdeund ein Ah! nach dem andern entrang sich den Lippen der Zuschauer.Jetzt heisst es: .Ja, aber ich bitte — da habe ich neulich in meinemJournal von der und der neuesten Fa^on gelesen: die fehlt ja ganz,wie mir’s scheint, in Ihrer Collection, werther Herr" . . . Und kaum,dass die Mode bekannt geworden, der lange Damenpaletot in denGesichtskreis der Ostrowoer Schönen getreten ist, so liefert die Con-fection ihn, der eben noch nicht unter 80 Mark zu haben war. ,genaudenselben“ auch schon für 30 Mark. Und wenn eben mit Mühe undNoth eine Sommerhemdenfatjou für Herren gefunden schien, die nichtjeder Ladenschwengel tragen konnte: die ungestärkten, bunten Ober-hemden mit festen Manchetten, weil sie zu theuer waren, so hängenim nächsten Sommer schon gleichfarbige Vorhemdchen mit ebenfallsweichem Einsatz aus zum Preise für 1 Mark das Stück u. s. w. Dadurchwird nun aber ein wahres Steeplechase nach neuen Formen und Stoffenerzeugt. Denn da es eine bekannte Eigenart der Mode ist. dass sie indem Augenblick ihren Werth einbüsst, in dem sie in minderwerthigerAusführung nachgeahmt wird, so zwingt diese unausgesetzte Ver-allgemeinerung einer Neuheit diejenigen Schichten der Bevölkerung, dieetwas auf sich halten, unausgesetzt auf Abänderungen ihrer Bedarfs-artikel zu sinnen. Es entsteht ein wildes Jagen, dessen Tempo in dem