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1 (1910) Im Zeitalter Napoleons
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Werbung und Kantonpflicht

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zusammenschmolz. Später erschienen sie nur im Frühjahr undHerbst zur Zeit der Revuen und größeren Übungen im Dienste,auch dieses aber bald nicht mehr alljährlich, sondern erst nacheinem Zeitraum von zwei oder drei Jahren. Im Sommer sowohlals zur langen Winterszeit wurden sie ihrem bürgerlichen Berufeüberlassen.

So stellte sich die Armee während eines großen Teiles imJahre dar als eine Reihe vereinzelter Wachtkommandos und Pferde-Pflegertrupps, d. h. etwa so, wie es heute in den größeren Garni-sonen aussieht, nachdem die Regimenter zu den Herbstmanvvernabgerückt sind. Zur Zeit der Revuen und im Kriege hatte sieihren vollen Stand, verwandelte sich nun aber in eine Mischungvon altgedienten Berufssoldaten mit einer Landmiliz, die nur eineflüchtige Ausbildung im Waffendienste erhalten hatte. Neben demweißhaarigen Veteranen stand der junge Bauernbursche in Reihund Glied. Alle Lebensalter vom zwanzigsten bis zum sechzigstenJahre und darüber sogar hinaus waren vertreten. Unter denGeworbenen fanden sich alle Schichten und Klassen der Gesellschaftzusammen, denn mit dem ungebildeten Söldner, dem Strolch undAbenteurer, der gar manches auf seinem Kerbholz hatte, diente derverlorene Sohn aus guter Familie und der junge Phantast, demdas Waffenhandwerk als Ideal erschienen war.

Die ausgehobenen Inländer gehörten gleichmäßig der unterstenKlasse der Bevölkerung an. Dem Buchstaben des Gesetzes nach warenfreilich alle Untertanen des Königs der Kantonpflicht unterworfen.Aber mit Rücksicht auf die materielle Lage des Landes war die Zahlder Ausnahmen für ganze Gesellschaftsschichten, Berufsklassen,Stände, Städte und Bezirke derart zahlreich, daß die Last am Endeausschließlich auf den völlig Besitzlosen ruhte. Geradezu staunens-wert ist es, was unter diesen Umständen von den Truppen geleistetworden ist.

Daß ein Heer, welches aus so ungleichartigen Elementen be-steht, hierzu nur durch die strengste Manneszucht zu bringen war,begreift sich leicht. Die Strenge wieder hatte die Fahnenflucht alsein weitverbreitetes Übel im Gefolge. Diesem wirkten drakonischeGesetze entgegen. Die härtesten Strafen, Tod und Spießruten-laufen, ahndeten das Verbrechen. Die Fuchtel spielte eine bedeut-same Rolle im Leben der Truppe. Der Soldat sollte seinen Offiziermehr als den Feind fürchten.

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