4 I. Das preußische Heer in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts
Einer so beschaffenen Heeresverfassung wohnen natürlich große
Schwächen inne. Es war eben ein künstlicher Bau, der nur durch
die Energie und Klugheit des großen Soldatenkönigs und des ihm
blind ergebenen Offizierskorps erhalten werden konnte. Aber es
hatte kein anderes Mittel gegeben, dem kleinen und geldarmen
Lande, das weder eine einträgliche Industrie, noch gewinnbringenden
Handel besaß, die Armee einer Großmacht zu geben. Man irrt
übrigens, wenn man annimmt, wie es oft geschehen ist, daß der
Stock allein ihr inneres Bindemittel bildete. Aus der Gewohnheit
pünktlichster Pflichterfüllung erwuchs ihr ein dienstliches Ideal,
welches Offiziere, Unteroffiziere und Soldaten mit Stolz auf ihre
Angehörigkeit zum besten Heere der Welt erfüllte. Am guten Rufe
der preußischen Armee, an ihren Erfolgen und Siegen besaßen sie
ihren Anteil, und das erfüllte sie mit Freude. Die ruhmgekrönte
Gestalt des großen Königs an ihrer Spitze riß die Truppe zur
Begeisterung und einer Anhänglichkeit fort, die sich in den Leiden
des Krieges und den Schreckensszenen der Schlachtfelder oft genug
in rührender Art und Weise dartat.
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Friedrich der Große war darauf angewiesen, schnelle Ent-scheidungen zu suchen. Ein geldarmes Land hält lange Kriege nurschwer aus. Darauf war Erziehung und Durchbildung seiner Truppenberechnet. Über den Sieg entschied das Feuer langer geschlossenerJnfanterielinien. Auf die Treffsicherheit des einzelnen Schusseskam dabei aber nur wenig an. Der primitive Zustand der Gewehremachte es hinfällig, auf das Zielen großen Wert zu legen. DieMasse der gleichzeitig und schnell abgefeuerten Waffen sollte denAusschlag geben. So wurde das Ringen um die Überlegenheitin den Heeren zu einem Wettstreit in der Feuergeschwindigkeit.Friedrich hatte seine erste Schlacht durch das Schnellfeuer seinerBataillone gewonnen, und es lag kein Grund für ihn vor, dieseBahn zu verlassen, es mit einer anderen Taktik zu versuchen. Erstrebte jedoch danach, die Mängel der Schlachtordnung in drei-gliedrig geschlossenen Linien, die aus dem Heere ein schwerfälligeslängliches Viereck machten, nach Kräften zu beseitigen. Nach demvollendeten Aufmarsche war eine Änderung der Front nahezu un-möglich. Trat Unerwartetes ein, so fehlten die Mittel zur Abhilfe;denn das Ganze besaß nur geringe Tiefe. Es konnten keine