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1 (1910) Im Zeitalter Napoleons
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Soldatenerziehung

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Unvergleichlich war das Zusammenwirken und Ineinander-greifen der drei Waffen, worin er bei Roßbach wohl das Höchsteerreicht hat.

Die Erziehung des einzelnen Soldaten und seine Entwickelungzum selbständigen Kämpfer kam in Friedrichs Heer freilich zu kurz.Sie ward nur soweit betrieben, als es galt, jeden Mann geschicktim Gebrauch seiner Waffe und tauglich als Glied im große»Truppenkörper zu machen. Der Pflege der moralischen Eigen-schaften, auf die wir jetzt so viel Sorgfalt verwenden, ward wenigWert beigemessen. Und die Entfaltung der Persönlichkeit, heutedas vornehmste Ziel der Soldatenerziehung, war unbekannt, ja eindem Massengebrauche feindliches Prinzip. Sie blieb dem einzelnenüberlassen. Wie sollte auch bei der großen Verschiedenheit desSoldatenmaterials, dem selbst die nationale Einheit fehlte, einegleiche Moral ermöglicht werden? Mehr als eine festgefügte undgeschickte Masse brauchte der König nicht.

Mit dieser Armee hatte er die Schlachten des SiebenjährigenKrieges gewonnen, und er hätte sie auch mit keiner anderen ge-winnen können. Wäre es denkbar und er geneigt gewesen, dieHeeresverfassung auf einer nationalen Grundlage aufzubauen, sowürden auch seine Gegner zum gleichen veranlaßt worden sein,und Preußen mit seiner kleinen Volksmenge hätte notwendigerweisedem Aufgebote der zahlreichen Feinde erliegen müssen. Der Könighatte daher auch in den Friedensjahren nach dem Kriege keinenAnlaß, die Grundlagen für sein Heerwesen zu ändern.

Die Ergebnisse des Siebenjährigen Krieges waren so erstaun-liche, daß sich das ganze Europa die Preußen fortan zum Vor-bilde nahm. Ein Heer suchte dabei das andere, jeder Generalseinen Nebenbuhler zu übertreffen. Als in Preußen der belebendeEinfluß des großen Königs mit seinem Tode schwand, blieb einebis aufs höchste hinaufgeschraubte Kunst der Truppenbewegungübrig. Der Exerziermeister ersetzte allmählich den Feldherrn. DieEpigonen, deren Pflichtgefühl es alle Ehre macht, daß sie nichtruhen wollten, sannen mit grillenhafter Mühe nach, wie sich dieSchnelligkeit in der Bewegung der Heeresmaschine noch steigern,die Ordnung noch erhöhen, die Schönheit des Anblicks noch ver-mehren ließe. Was Mittel zum Zweck gewesen war, ward mitder Zeit zum Selbstzweck. Stundenlang wurde zwischen den Offizierenmit heiligem Ernste über die Betonung eines Kommandowortes,