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1 (1910) Im Zeitalter Napoleons
Entstehung
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8 I. Das preußische Heer in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts

die Ausführung einer Wendung usw. gestritten. Die abenteuer-lichsten Erfindungen wurden gemacht, um ein paar Sekunden zusparen oder eine Bewegung noch straffer und genauer auszu-führen. So glückte es denn, die langen Linien von 20 und 30Bataillonen nach Kanonenschüssen avancieren und retirieren, an-treten, halten und feuern zu lassen, wie auf Kommandowort. Mitder Regelmäßigkeit eines Uhrwerkes arbeiteten alle Teile der lebendenMaschine. Das geschah auch noch, als der Feind nicht mehr instarren Linien dastand, sondern in beweglichen Kolonnen herankamoder auswich. Wie man es trieb, so meinte man, hatte es dergroße König getrieben und seine Siege erfochten, so allein konnteman auch in Zukunft siegen. Daß für diesen Sieg der Gegen-stand, eine Phalanx, fehlte, deren Kraft gebrochen war, wenn manihre Ordnung störte, entging dem verschleierten Blick der Exerzier-künstler. Und doch wird in der Literatur der Zeit dem preußischenHeere noch immer nachgerühmt, daß bei ihm nichts geschähe undnichts geübt würde, was keine Beziehung zum Kriege besäße. DasSchwerste für den Soldaten ist es, sich die Unbefangenheit im Urteilüber die natürlichen und nach den Umständen ewig wechselndenBedingungen des Erfolges im Kriege zu erhalten.

Hauptsächlich lief die Exerzierkunst auf den Aufmarsch großerTruppenmassen in bestimmter Front hinaus. Der äußerste Scharf-sinn wurde darauf verwendet, ihn schnell und sicher durchzuführen.Klar ist allerdings, daß das Eintreffen der Bataillone in derrichtigen Front von großer Wichtigkeit war, da die einmal auf-marschierte Masse dieselbe nur noch schwer verändern konnte.Die höchste Vollkommenheit ist darin erreicht worden, und dieungeteilte Bewunderung des militärischen Europas lohnte die un-endliche Mühe, die sich die preußischen Generale damit gaben, ausden anrückenden Marschkolonnen die Schlachtlinie wie eine durchgeheimen Mechanismus bewegte Theaterdekoration mit überraschenderGeschwindigkeit zu entfalten. Aber abgesehen von der Verschwendungvon Zeit und Kraft, führte die Übung dieser Kunst eine Erziehungzur Unselbständigkeit herbei, welche alle Glieder des Offizierkorpsdurchdrang. Vom Leutnant bis hinauf zum Brigadekommandeurkam es immer nur darauf an, im rechten Augenblick am rechtenFleck und auf den richtigen Fuß ein Kommando hervorzustoßen.Gespannteste Aufmerksamkeit und große Anstrengung waren dazunotwendig, nicht aber Nachdenken, Urteil und selbständiger Ent-