Übertreibung der Manövrierkunst
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Muß. Unter einem tüchtigen General stellte man sich einen Mannvor, der mit unfehlbarer Sicherheit und maschinenartiger Gleich-mäßigkeit dem Treffenkommandanten das Kommando abnahm undes ebenso weitergab. Tag für Tag, jahraus, jahrein wurde dasgleiche wiederholt. So tötete man allmählich die Geisteskraft zueigener Betätigung. Man hat der alten Armee meist zum Vorwurfgemacht, daß sie das zerstreute Gefecht nicht annahm, und darinden entscheidenden Grund für ihre Niederlage gesucht; indessenwar dies nur eine, und bei weitem nicht die wichtigste der Ur-sachen. Das „Tiraillement" war ihr keineswegs unbekannt. Dieleichten Truppen zeichneten sich darin sogar aus, wenn es auchnur für Nebenzwecke geübt, nicht im Großen als Mittel zumSiege verwendet wurde. — Weit schlimmer waren andereÜbel. Das Überraschendste von allem, was später in demunglücklichen Kriege hervortrat, ist die geradezu unglaublicheUnselbständigkeit der Führer. Wir können uns heute nur nochschwer hineindenken in die vollkommene Hilflosigkeit, in welchebrave, ihren Anlagen und ihrer Vergangenheit nach tüchtige Männerauch in den einfachsten Gefechtsverhältnissen gerieten, sobald sie ausdem großen gewohnten Gefüge der von einem Einzigen komman-dierten Truppenmasse herausgerissen und auf sich selbst gestellt waren.
Mit der glänzenden Außenseite geriet die innere Dürftigkeitdes Heerwesens in einen immer schärfer sich ausprägenden Gegen-satz. Im Lande schritt die Wohlhabenheit vorwärts, gute Erntenfolgten um die Wende des Jahrhunderts aufeinander. Die Preisealler Getreidesorten stiegen und mit ihnen der Wert des Grundund Bodens. Der des Geldes dagegen sank. Jedes Erzeugnis derIndustrie wurde teurer und die Versorgung der Armee von Jahrzu Jahr schwieriger. Sie auf der alten Höhe zu erhalten, warunmöglich. In der Ausrüstung und Bewaffnung konnte zuletztnur noch das äußere Ansehen gewahrt werden. Die dringenderforderliche Neubewaffnung der Infanterie wurde zwar in Angriffgenommen, aber mit einer Langsamkeit durchgeführt, als habe manein halbes Jahrhundert sicheren Friedens vor sich. Die Be-kleidungswirtschaft der Truppen warf immer knapperen Ertrag ab,und wenn die Kapitäns ihre Einnahmen nicht völlig verlierenwollten, so mußten sie zu einer Sparsamkeit greifen, welche