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1 (1910) Im Zeitalter Napoleons
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12 I. Das Preußische Heer in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts

schaften die Waffen noch während des Abfeuerns herunter, undzahlreiche Geschosse gingen hoch über den Feind hinweg. Trotzdemhielt man an der Überzeugung fest, daß der Feind vor diesemFeuerwackeln" und endlich davongehen müsse. Es mit demBajonett zu erreichen, ließ man daher zuletzt ganz außer Betracht.Die alte Energie des Stoßes der friderizianischen Bataillone schwand,und dem Stoße selbst fehlte die Spitze.

Die Lehre vom Kriege sollte zugleich wissenschaftlicher werdenund nicht mehr die rauhe Tat, sondern der tiefsinnige Gedankesiegen. Das geometrische Element wurde in der Truppenbewegungherrschend, und eine neue Wissenschaft dieser Art, dieLogistik ",erfunden. Daneben stieg die Geländekunde in der allgemeinenAchtung. Die Truppe wurde gewissermaßen wie mit dem Bodenvermählt gedacht, auf den: sie kämpfte. Vom Geiste der Kombination,als der höchsten Feldherrneigenschaft, war viel die Rede. DurchNachdenken sollte jede Überraschung und jeder Unfall verhütetwerden. Das führte zu einem umständlichen und weitschweifigenSystem der Vorsicht, dessen Folge eine Kräftezersplitterung war,die wir sich wie eine Seuche durch die gesamte Truppenführungder preußischen Armee in den Unglücksjahren verbreiten sehen.Das Verfahren des großen Königs im Siebenjährigen Kriege erschienden Epigonen mehr und mehr als eine Art roher Empirik. DasDrohen, das Umgehen, das Abschneiden, Täuschen und Ermüdendes Gegners schien der Zeit höher zu stehen als das brutale Zu-schlagen. Ferdinand von Braunschweig und Prinz Heinrich wurdendie Feldherrnideale der Zeit. Aus der Kriegführung verschwandjede Leidenschaftlichkeit, deren sie doch zum Erfolge so dringendbedarf.

Das Militärbildungswesen und die Militärliteratur kamenfreilich um die Jahrhundertwende zu einer Blüte, wie sie bis aufdie Gegenwart nicht wieder erreicht wurde. Es fehlte aber dieVerbindung mit dem praktischen Leben und die Einwirkung aufdieses. Ein geistreicher Dilettantismus machte sich breit, der sichäußerlich in einer schwülstigen und blumenreichen Redeweise kund-gab. Überall sproßten die Vereine von Kriegskunstverehrern undFörderern der Militärwissenschaft aus dem Boden, und manchetrieben sonderbare Blüten.

Zu der neuen Art der Kriegführung, wie sie sich gegen Endedes alten Jahrhunderts entwickelte, paßte das altvaterische In-