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1 (1910) Im Zeitalter Napoleons
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Entartung der Kriegführung

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strument, die im Hergebrachten festgebannte Armee, durchausnicht mehr.

An Kriegserfahrung fehlte es dem Heere nicht. Neun Jahrenach dem Bayrischen Erbfolgekriege kam es zu dem schnellen undglänzenden Siegeszuge in Holland von 1787. Das Feldherrn-talent des Herzogs von Braunschweig erstrahlte in neuem Glänze.Die Geschicklichkeit und Tüchtigkeit der Truppen erregten all-gemeines Staunen. Daß es sich um keinerlei ernsten Widerstandvon feiten des Feindes gehandelt hatte, wurde übersehen. DerFeldzug in der Champagne von 1792, der mit der Kanonade vonValmy endete, erschütterte freilich das Vertrauen in das alte Heer,aber die folgenden Feldzüge von 1793 und 1794 brachten ver-einzelte glänzende Erfolge und wurden dadurch zum Nachsommerdes preußischen Waffenruhmes. Daß das Ergebnis im großenein unbefriedigendes war, erklärte sich leicht aus dem Mangel anernstem politischen Willen und an Einmütigkeit im Handeln derverbündeten Mächte. Der klägliche Verlauf des Feldzuges gegendie aufständischen Polen in den neuerworbenen Gebieten von1794 fand nicht hinreichende Beachtung. So war die erworbeneKriegserfahrung dem Heere eher schädlich als nützlich, denn sie hatnur die Selbsttäuschung gefördert, die noch zwölf Jahre nach diesenEreignissen anhielt.

Weder die Siege der französischen Republik, noch selbst dieFeldzüge Bonapartes öffneten den maßgebenden Persönlichkeiten inPreußen die Augen. Freilich wurden die Schnelligkeit der Ope-rationen und die rasch aufeinanderfolgenden glücklichen Waffentatendes neuen Sternes am militärischen Himmel vielfach besprochennnd bewundert. Aber es ließ sich dagegen geltend machen, daßdie Kräfte, mit denen sie ausgeführt worden waren, sich in be-scheidenen Grenzen hielten, daß die Wucht der kriegerischen Er-eignisse hinter denen des Siebenjährigen Krieges erheblich zurückblieb.Sogar Marengo war Leuthen, Zorndorf und Torgau nicht gleich-gekommen, und ein Beweis, daß die französischen Truppen sichden Preußen überlegen zeigen würden, anscheinend nicht gegeben.Der Ruhm des Herzogs von Braunschweig hatte den Schattenvon Valmy in den folgenden Jahren wieder überwunden; nebenihm war Fürst Hohenlohe als glücklicher und ruhmreicher Feldherraufgetreten. Beide galten als Heerführer mehr, wie diejenigen, dieBonaparte geschlagen hatte. Mit ihnen mußte sich dieser erst