14 I. Das preußische Heer in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts
messen, ehe er den unwiderleglichen Beweis seiner Feldherrn-begabung erlegte. Das Jahr 1805, die Kapitulation von Ulm und die Dreikaiserschlacht von Austerlitz änderten freilich das Bild,und von da ab macht sich im preußischen Heere auch die Sorgefühlbar, ob man den Franzosen gewachsen sein würde. Alleinjetzt war es schon zu spät, um noch Wesentliches zu ändern.
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Jnzwischen hatte sich in Frankreich seit langen Jahren einevollständige Umwandlung der gesamten Kriegführung vorbereitet.Die französische Militärliteratur beschäftigte sich schon vor denersten Anfängen der Revolution mit der Beschleunigung der kriege-rischen Operationen und nicht minder mit der Verwendung selb-ständiger gemischter Truppeneinheiten. Die Übung der ganzenArmee im kleinen Kriege, die Errichtung von Jägerkompagnien,welche aufgelöst vor den nachrückenden Sturmkolonnen fechtensollten, die unabhängige Tätigkeit aller einzelnen Teile des Heereszum gemeinsamen Zweck gehörten damals bereits zu den Wünschendenkender Soldaten. Bedeutende Militärschriftsteller hatten der-gleichen gelehrt. Die Fechtweise in den festgeschlossenen prächtigenLinien, wie die preußische Armee sie zeigte, konnte wohl bewundert,aber nicht nachgeahmt werden. Dazu fehlten die geschulten straffenExerziermeister und die natürliche Anlage im Volke. So hattesich die Kolonne, d. h. der geschlossene viereckige Haufe, neben denLinien als Kampfform schon seit Beginn des Jahrhunderts erhaltenund das Streben sich geltend gemacht, seine Anwendung mit derpreußischen Feuertaktik zu verbinden. Die Vorteile davon warenersichtlich. Die Notwendigkeit, die Truppen vor dem Kampfe inlange, sorgfältig gerichtete Linien zu bringen, womit ungeschickteGenerale ehedem ganze Nächte vor der Schlacht verloren hatten,schwand. Ebenso wurde es überflüssig, den Aufmarsch weit vomFeinde entfernt vorzunehmen; denn er brauchte ja nicht mehr soregelmäßig wie in alten Zeiten vor sich zu gehen. Die Kolonnenkonnten an den Feind geführt werden, wie sie eintrafen. Sie ver-mochten sich auch in durchschnittenem Gelände zu bewegen, undwenn man auf die starre Schlachtordnung verzichtete, so kam esauf große Regelmäßigkeit nicht mehr an. Die starken Truppen-vermehrungen und Neuschöpfungen während der Revolutionskriegemachten die sorgfältige Exerzierausbildung überhaupt unmöglich.