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1 (1910) Im Zeitalter Napoleons
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H. Der Krieg von 1806 und 1807

er mich verderben," schrieb der König an den Zaren. Der Ent-schluß zur erneuten Mobilmachung des Heeres wurde gefaßt, unddiese am 9. August tatsächlich befohlen.

Der Grundgedanke dabei war ein offensiver. Wie wenig aberentsprachen die ergriffenen Maßregeln einer solchen Absicht. GroßerÜberlegenheit an Volkszahl und Streitern ging Preußen entgegen;doch nicht einmal sein ganzes Heer wurde auf Kriegsfuß gesetzt.Ein bedeutender Teil der Truppen im Osten blieb im Friedens-verhältnis. Daraus ergab sich sogleich die weitere Folge, daßman Rußland nicht zur unmittelbaren Unterstützung auffordernkonnte. Russische Heere dursten nicht durch Städte marschieren,in denen preußische Truppen noch dem Friedensdienste nachgingen.Der größte Teil der Festungen blieb gleichfalls ohne Kriegs-bereitschaft. Kein Schritt wurde getan, die norddeutschen Staatenzur Teilnahme am Kriege zu zwingen. Dem zweideutigen Ver-halten Kurhessens, das dessen Souveränität später dennoch nichtretten sollte, begegnete der König mit unglaublicher Nachsicht. NurSachsen und der Herzog von Weimar stellten sich dem Schutz-herrn Norddeutschlands zur Verfügung. Sogar Braunschweig ,dessen Herzog den Oberbefehl gegen Frankreich übernahm, bliebneutral. Kein Aufruf an das Volk zur Teilnahme am Ver-zweiflungskampfe erfolgte, keine außergewöhnliche Maßregel zurVermehrung der Truppen wurde getroffen. Man tröstete sich mitder Überlieferung der friderizianischen Zeit, daß die Zahl nichtentscheide. Es blieb lediglich bei den langatmigen Vorbereitungenfür die fchon vor dem Kriege beabsichtigte Aufstellung von Re-servebataillonen. Augenscheinlich herrschte der kleinlich spießbürger-liche Wunsch vor, auch den Kampf um den Bestand des Staatesso billig wie möglich abzumachen.

Politisch sah es ähnlich aus; nichts Ernstes geschah, um sichmit England und Schweden zu verständigen, Rußlands Hilfe inbestimmter Art zu regeln und ihm wenigstens die Richtung an-zuweisen, in welcher später das Eingreifen seiner Kräfte erwünschtwäre. Man gab sich der dunklen Hoffnung hin, daß ein ersterSieg ganz Norddeutschland und die Russen, vielleicht sogar auchÖsterreich mit Süddeutschland zum allgemeinen Kampfe gegen diefranzösische Vorherrschaft fortreißen werde. Das lebende Geschlechtwar keines großen Aufschwunges fähig. Der Krieg galt für desKönigs Angelegenheit. Seine Pflicht war es, Volk und Staat