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II. Der Krieg von 1806 und 1807
salza. An 60 000 Mann mögen dort beisammen gewesen sein.Ein starker Wille hätte mit diesem Nest der preußischen Machtimmerhin noch Tüchtiges leisten können, aber ein solcher Willefehlte. Das Geschehene war so unerwartet gekommen, hatte diedüstersten Vorstellungen so weit übertroffen, daß Führer undTruppe darüber die Fassung verloren. Unerhörte Verzagtheitherrschte überall. Im Herzen der Soldaten regte sich zudem derGroll über das harte Los, das ihnen in ihrem Friedensdienstlebenbeschieden war; die Mannszucht löste sich; die Furcht vor derStrenge der Offiziere schwand, Herumtreiber und Nachzügler mehrtendie Verwirrung durch Abfeuern ihrer Gewehre, um die im Stichegelassenen Gepäckwagen ungestört plündern zu können. Waffenwurden fortgeworfen — Vorgänge, die sich niemals sonst im preu-ßischen Heere ereignet hatten, selbst nicht nach den schwerstenNiederlagen des Siebenjährigen Krieges.
Am 15. Oktober früh 7 Uhr traf der König in Sömmerda ein und befahl den Rückzug über Nordhausen auf Magdeburg .Damit war der Gedanke, die mittlere Elbe noch vor dem Feindezu erreichen und sich mit dem in die Niederlage nicht verwickeltenKorps des Herzogs von Württemberg zu vereinigen, endgültig auf-gegeben, obwohl die Wege dorthin noch offen standen. Die Sorgevor jedem weiteren Zusammenstoß mit dem Feinde beherrschte dieGemüter und umflorte den Blick der Generale.
Ein ansehnlicher Strom von Flüchtlingen hatte sich nachErfurt gewendet, um unter den Mauern dieses festen Platzes Schutzzu suchen. In den gelehrten strategischen Auseinandersetzungender Preußischen Generalstabsoffiziere hatte Erfurt eine große Rollegespielt. Da auch die vom Thüringer Walde her zurückkehrendeDivision des Herzogs von Weimar , die mit dem Feinde noch nichtzusammengetroffen war, sich Erfurt näherte, so hätte bei gutemWillen sich auch dort noch ein beträchtliches Korps von 20000 Mannbilden können. Allein auch an dieser Stelle gab sich kein energischerEntschluß kund. Ja, als Murats Kavallerie am 15. Oktober vorder Stadt erschien, regte sich sofort der landesverräterische Gedankeder Übergabe. Für eine Sache, die er verloren gibt, blutet niemandgern. Der kleinmütige Trost, daß fernerer Widerstand doch ver-geblich sei, weil die Feldarmee gegen alles Erwarten so völlig ge-schlagen worden war, übte seinen entnervenden Einfluß. Derhöchste Befehlshaber, der 81jährige Generalfeldmarschall v. Wollen-