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1 (1910) Im Zeitalter Napoleons
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H. Der Krieg von 1806 und 1807

Wie eine Warnung für ewige Zeiten soll das Andenken jenerdüsteren Tage vor der Seele des deutschen Volkes stehen und esnie vergessen lassen, daß der Krieg eine ernste heilige Sache ist,und daß er notwendig wird, wenn es gilt, Selbständigkeit, An-sehen, Recht auf eigenartige Entwickelung im großen Widerstreitder nationalen Interessen zu vertreten. Unvergessen sei auch, daßdieses nur gelingt, wenn alle seine Glieder bis zum geringsten vonder Notwendigkeit mannhafter Behauptung vollkommen durch-drungen und bereit sind, ihr alles, Ruhe, Wohlergehen, Habe undLeben zu opfern. Nie möge sich im Herzen des deutschen Volkeswieder, wie vor dem Unglücksjahre, die süße vertrauensselige Hoff-nung einnisten, daß es seine geschichtlichen Bahnen auch ohne soernste Prüfungen erfüllen könne. Diese bleiben niemals aus; dennnur durch sie wird das Recht auf ein selbständiges Dasein er-worben. Sie werden auch uns nicht erspart bleiben. Mehr noch:sie sind notwendig, um die Lebenskraft des Volkes zu erhalten undihm in der Geschichte ein lange dauerndes und ehrenvolles Daseinzu gewährleisten. Wie der von Glück und Genuß verwöhnteWeichling nur selten zu einem so rüstigen Alter kommt, als derin harter Arbeit und im Kampfe mit einem widrigen Geschick er-probte Mann, so sehen wir auch, daß in der Geschichte nicht die-jenigen Völker, die auf einem gesegneten Boden ein mühelosesDasein führen, am längsten währen, sondern diejenigen, die sich inschwerem Ringen emporarbeiten und unter Stürmen behaupten.In einem tüchtigen Volke stählen selbst Niederlagen die sittlicheKraft. Von den Segnungen des Friedens ist immerfort die Rede;man sollte aber auch den Segen nicht vergessen, der für ein Volkaus ernsten Kämpfen hervorgehen kann. Auch die Kriege bildenein Erziehungsmittel der göttlichen Vorsehung. Preußen hätte inder Zeit nach des großen Friedrichs Tode unzweifelhaft am klügstengehandelt, wenn es in seinem politischen Auftreten stets gezeigthätte, daß es die Gefahr nicht scheue, unter der es groß gewordenwar, und das gleiche gilt auch für das junge Deutschland nachKaiser Wilhelm dem Siegreichen.

Daß der preußische Heldensinn aus den Tagen von Roßbachund Leuthen noch nicht bei allen Epigonen erloschen war, solltenübrigens schon die nächsten Kriegstage erweisen. Aber er wurdenicht bei den Männern gefunden, auf welche vorher die Hoffnungdes Landes vornehmlich gesetzt war.