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II. Der Krieg von 1806 und 1807
mag der Feldherr auf die Reihen seiner ankommenden Streitergeblickt und sich wohl die Frage vorgelegt haben, ob es überhauptnoch möglich sei, weiter zu marschieren. Auch die Schlacht scheuteer. Aber im Kriege kommen immer einmal Augenblicke, wozwischen zwei Katastrophen gewählt werden muß. Dann verdientder Untergang im Kampfe schon darum den Vorzug, weil er dasehrenvollere ist.
Auch andere Gründe sprachen für das Standhalten. Dasbergige, waldige Land mit seinen wenig übersichtlichen Gefilden wardurchzogen. Bei Eylau wird die Gegend freier und offener; siewar der damaligen russischen Fechtweise günstig. Die Armeenäherte sich auch dem Punkte, wo sie sich entscheiden mußte, obder weitere Rückzug nach Königsberg oder zur russischen Grenzeüber die Memel gehen solle. Die große Heerstraße von Warschau nach Königsberg ließ damals das Städtchen Pr.-Eylau zur Linkenund führte auf eine Meile Abstand hinter demselben von Barten-stein nach Mühlhausen vorüber. Beim Dorfe Lampasch, wo derWeg von Eylau sie erreichte, zweigte sich gen Nordosten die Straßenach Friedland, Jnsterburg und Tilsit ab. Bei Lampasch also lagder Scheideweg. Wollte Bennigsen sich die Wahl noch freihalten,so mußte er sich davor bei Pr.-Eylau aufstellen. Auch Königsberg,nach Berlin und Breslau die volkreichste Stadt des preußischenStaates und seine zweite Hauptstadt mit 50000 Einwohnern, durftenicht ohne Schwertschlag preisgegeben werden. So sollte es denngewagt und Napoleons Angriff hier erwartet werden.
Die französische Armee war in nicht minder trauriger Ver-fassung. „Das Feuer und der Rauch der Biwaks hatten den Soldatenbraun, dürr, unkenntlich gemacht. Seine Augen waren gerötet,seine Kleider voll Unrat und verräuchert. Er war abgemagert,traurig, Träumer geworden. Oft war der Zuhörer ergriffen vonden Flüchen und Verwünschungen, welche die Verzweiflung und dieUngeduld ihm entrissen." So Percy, der Chefchirurg der großenArmee. Aber die Verwüstung, die sich hier dem Auge darbot, warselbst den an vieles gewöhnten französischen Generalen überraschend.„An der Straße ist alles zerstört, alles verlassen; nimmermehrhaben die Vandalen so gehaust. Die Wege bedeckten sich mitKadavern von Menschen und Pferden, Trümmer von Heergerätund Ausrüstungsstücke lagen überall umher. Welch eine Jahres-zeit, welch eine Kälte, welch ein Land!" In den dichten Wäldern