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1 (1910) Im Zeitalter Napoleons
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II. Der Krieg von 1806 und 1807

L'Estocqschen Korps allein zu halten versuchen sollte. Königsbergwar die letzte Stadt der Monarchie von Bedeutung. Ihr Verlustmußte großes Aufsehen erregen. Ihre Festhaltung schien auchwegen der noch auf der Frischen Nehrung befindlichen Truppenerforderlich. Andererseits ließ sich voraussehen, daß die Ein-schließung beim weiteren Rückzüge der Russen unvermeidlich seinwürde. Damit verlor der König die letzte im freien Felde ver-fügbare Macht und jeglichen Einfluß auf den Gang der Ope-rationen.

Nach einigem Schwanken entschloß sich General v. Rüchelschweren Herzens zur Räumung, und dieser Entschluß war un-zweifelhaft richtig. Er gab immerhin dem Könige die Möglichkeit,als selbständiger mit eigenen Kräften kriegführender Souverän beiden bald beginnenden Friedensverhandlungen aufzutreten. Zu einerhartnäckigen und lange dauernden Verteidigung, die dafür einen Ersatzhätte bieten können, waren die Werke von Königsberg zu schwach.Umsichtig wurden alle Anordnungen für den Abmarsch getroffen.Nachmittags um 4 Uhr rückte die Masse des Korps in der Richtungauf Labiau ab. Bei Caymen wurde nachts gerastet. Eine Nach-hut blieb bis zum Einbruch der Dunkelheit stehen und zog danngleichfalls unbehelligt davon.

Am 16. ging das Korps hinter die Deime, die mit ihrer be-deutenden Wassertiefe und scharf im Moorgelände abfallendenmorschen Rändern ein recht beträchtliches Hindernis bildet. DieNachricht vom Übergange der Franzosen bei Tapiau veranlaßteaber die Fortsetzung des Marsches bis Laukischken. Ja, auf er-neutes wiederholtes Drängen Bennigsens zu schnellem Herankommenwurde ein Nachtmarsch beschlossen, obwohl keine Berührung mitdem Feinde stattgefunden hatte.

Das Aufgeben von Königsberg ließ in Offizieren und Truppedie letzte Hoffnung auf einen leidlichen Ausgang des Kriegesschwinden. Die Aussichten für die Zukunft verdüsterten sich voll-kommen. Mit dem Verlassen des preußischen Gebietes ging manvölliger Ungewißheit entgegen. Gerüchte liefen um, daß es indiesem Falle beabsichtigt sei, die preußischen Truppen der russischenArmee einzuverleiben. Beunruhigung und Mißmut verbreitetensich unter der Mannschaft. Es kam zu Exzessen, und die Desertionbegann um sich zu greifen. Selbst die beiden vorzüglichen Regi-menter Rüchel und Prinz Heinrich früher Schoening, die