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1 (1910) Im Zeitalter Napoleons
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III. Die Wtedererhebung

wegen einer Reise nach Petersburg entstand, bereitete dies Ereignisvor. Die Hauptursache aber wurde doch, daß ein unvorsichtigerBrief Steins in französische Hände fiel. Er enthüllte des großenReformators geheime Zukunfts- und Rachepläne. Damit wurdeNapoleons Argwohn gegen Preußen bestätigt und Steins Stellungunhaltbar. Am 7. November 1808 legte er dem Könige seinAbschiedsgesuch vor, das am 24. desselben Monats in der gnä-digsten Art gewährt wurde. Zuvor aber hatte der König noch diewichtigsten neuen reformatorischen Gesetze unterzeichnet, damit ihresUrhebers Gedanken sein Scheiden überdauerten. Auch hinterließStein eine Art politischen Testaments, und sein Geist schwebte nochfernerhin über dem großen Werke der Wiedererhebung.

Am 16. Dezember schleuderte Napoleon gegen ihn das be-kannte Ächtungsdekret.

Nicht alle begriffen, was Preußen in diesem Augenblicke ver-loren hatte. Auch ernste Männer, die von tiefgehendem Patriotismuserfüllt waren, aber mit ihrem ganzen Empfinden noch zu sehr imalten Preußen lebten, begrüßten des Reformators Sturz mit innererFreude. Sie vermochten in den neuen Ideen nur das Wesen derverhaßten französischen Revolution zu finden.

Derselbe Widerstreit der Meinungen machte sich auch in denArbeiten zur Wiederherstellung des Heeres fühlbar. Der König,der allen radikalen Entscheidungen und Maßregeln sich schon vordem Kriege abhold erwiesen hatte, mischte anfangs die ins Lebenzurückgerufene Jmmediatreorganisationskommission zu etwa gleichenTeilen aus Anhängern und Gegnern der Reform. Allmählich erstgewannen deren Freunde die Oberhand, und dies ist das großeVerdienst Scharnhorsts, dem die höchst wichtige Gabe eigen war,geschickt und erfolgreich mit dem Könige umgehen zu können. Ergewann als Mitarbeiter, an Stelle der ausscheidenden Gegner,Männer wie Gneisenau, Grolman und Boyen, denen es klar war,daß eine Erhebung des Heeres nur Hand in Hand gehen konntemit der politischen und sozialen Wiedererweckung des Volkes.Große nationale Gesichtspunkte leiteten sie auch in der Ordnungder Einzelheiten im Heerwesen. Nach vielfachen Besprechungen mitScharnhorst bearbeitete der König den ersten programmartigenEntwurf für die künftige Heeresverfassung, der weiterhin der Kom-mission als Leitfaden gedient hat. Mit Recht legte Friedrich Wilhelmauf die Entwickelung der moralischen Eigenschaften den höchsten Wert.