Wiederaufrichtung des HeereS
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Zum tiefen Schmerze aller älteren Soldaten verschwanden sämtliche,auch die berühmtesten Namen der stolzen Regimenter aus derfriederizianischen Zeit, sofern eine Kapitulation sie verdunkelt hatte.Damit war zugleich die Parole der Einfachheit in den Äußerlich-keiten für das wiedererstehende Heer gegeben. Das Offizierskorpsmußte von seinen Wurzeln aus neu gestaltet werden. Aber esfragte sich, welche Grundlage man für das künftige annehmensollte. Der Ersatz aus dem Adel hatte nur für den ständisch ge-gliederten Staat gepaßt, in dem das Offizierspatent dem jungenEdelmanns gleichsam in die Wiege gelegt wurde. Nahm auch dasbürgerliche Element vor dem Kriege schon einen breiteren Platz impreußischen Offizierskorps ein, als man gemeinhin glaubt, so wareine Zurückdrängung doch immer noch vorhanden. Es hatte ihmdas selbstverständliche Recht, neben dem Adel zu stehen, noch gefehlt.Das sollte jetzt anders werden. Viele hervorragende Männer,unter ihnen sogar Hardenberg, stimmten für die radikale, aus denersten Zeiten der französischen Revolution hergeholte Maßregel derOffizierswahl durch die Untergebenen. Das wäre die Auflösungder Armee gewesen. Nie ist die Offizierswahl durch die Soldatentreffender in ihren Wirkungen gekennzeichnet worden, als durch denCapitaine der Volontairs von 1792, der seine Hauptmannswürdefreiwillig niederlegte und Gemeiner wurde, weil er „auch einmaletwas zu befehlen haben wollte". Mit richtigem soldatischen Gefühltrat Scharnhorst gegen den Vorschlag auf. Er wollte die Zusammen-gehörigkeit und das besondere Ehrgefühl, wie sie aus dem altenVerhältnis des Offizierskorps zum Adel entsprangen, nicht zerstören,sondern nur umbilden. Daher war auch er wohl für die Wahl,aber für die Wahl durch das Offizierkorps, das damit die einheit-liche Verantwortung für die Tüchtigkeit aller seiner Mitglieder über-nahm. Durch diese Einrichtung ist eine der stärksten Grundlagennicht nur für das neue preußische, sondern auch für das jungedeutsche Heer geschaffen worden. Den Anspruch auf die Zulassungzu den Offiziersstellen sollten im Frieden Kenntnisse und Bildung,im Kriege ausgezeichnete Tapferkeit, Tätigkeit und Umsicht gewähren.Damit das neu einzuführende Examen nicht ein Übergewicht derGelehrsamkeit im Waffendienste herbeiführe, bezeichneten die Be-stimmungen auch Geistesgegenwart, schnellen Blick, Pünktlichkeit undOrdnung im Dienst, sowie vorwurfsfreien Lebenswandel als un-erläßliche Eigenschaften.