Druckschrift 
1 (1910) Im Zeitalter Napoleons
Entstehung
Seite
201
Einzelbild herunterladen
 

Tod der Königin Luise. Systemwechsel

201

Notwendigkeit, Männer von größerer Kraft des Gemütes und mehrIdeenreichtum ans Staatsruder zu berufen. Die Rückkehr Steinswar freilich unmöglich. Die persönliche Abneigung, die FriedrichWilhelm gegen dessen vulkanische Natur im tiefsten Innern seinerSeele barg, wirkte ihr ebenso entgegen, als Napoleons Zorn. DesKönigs Blicke richteten sich jedoch auf Hardenberg. Aber auchdessen Ernennung war nicht ohne Verhandlungen mit Napoleon möglich; sie mußte förmlich erschmeichelt werden. Hardenberg selbstrichtete ein Schreiben an den Gewaltigen, in dem er sich dem An-scheine nach vollkommen zu dem französischen System bekannte.Das waren die Folgen der Schwäche, in die der Staat seit demBaseler Frieden verfallen war. Erst als der Groll des Imperatorsbeschwichtigt schien, konnte Hardenberg am 4. Juni 1810 zumStaatskanzler ernannt werden. Aus dem abtretenden Ministeriumschied selbst Scharnhorst; doch blieb er als Chef des Quartier-meisterstabes und des Jngenieurkorps den Geschäften nahe, undsein Nachfolger als Leiter der allgemeinen Kriegsangelegenheiten,Oberst Hake, erhielt die geheime Weisung, sich mit ihm über alleDinge von Wichtigkeit im voraus zu verständigen.

Hardenberg hatte sich bei der Übernahme seiner Stellung diealleinige oberste Leitung der Staatsgeschäfte ausbedungen. Sowar die Grundlage für eine größere Energie und Einheitlichkeit inder Regierung gegeben. Durch die unglückliche Neutralitätspolitikseit 1304 hatte auch der neue Staatskanzler ehedem große Schuldauf sich geladen. Jetzt gewährte ihm das Schicksal die Gelegenheit,sie zu sühnen. Ihm fehlte Steins Feuergeist und Kraft; dafüraber war er ein kluger Mann, der fremde Ideen sich ausgezeichnetzu eigen machte um Auskunftsmittel nie verlegen, ein voll-endeter Opportunist ohne feste große Ideale. Als Politiker warer oberflächlicher, zum Teil aber auch radikaler als sein großerVorgänger, diesem an diplomatischer Begabung überlegen. Demo-kratische Grundsätze in einer monarchischen Regierung erschienenihm als die angemessene Form für den Zeitgeist. Vielfach folgteer französischen Vorbildern. Das machte ihn zum stillen An-hänger der Zentralisation und sich selber unbewußt zum Gegnerder Selbstverwaltung. Er verlangte mehrfach Unmögliches, waraber dafür auch nicht störrisch und nahm undurchführbare Maß-regeln zurück, beschwichtigte so die entstehende Unzufriedenheit undglich Konflikte aus.Steins schöpferische Ideen eilten der Zeit