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1 (1910) Im Zeitalter Napoleons
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Napoleons Verhältnis zu Osterreich und Rußland

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Dessen Argwohn ward durch die gewaltsame Einverleibungder Nordseeküste und Lübecks in das französische Kaiserreich, dieEnde 1810 erfolgte, von neuem wachgerufen. Die Entthronungdes ihm verwandten Herzogs von Oldenburg empfand KaiserAlexander als einen Faustschlag ins Gesicht. Er zweifelte nicht mehran dem nahen Bevorstehen eines Entscheidungskampfes und begann zurüsten. Während er sich 1809 Preußen gegenüber abwehrend verhaltenhatte, drängte er 1311 König Friedrich Wilhelm III. zum Bündnis.Dieser kam dadurch in eiue heikle Lage. Er durfte sich für denFall der äußersten Not die Freundschaft Rußlands nicht ver-scherzen. Schloß er sich diesem aber an, so hatte Preußen mitseinen schwachen Kräften den ersten Stoß des französischen Kolossesauszuhalten. Wirksame Hilfe war von Rußland nach den Er-fahrungen von 1307 nicht mit Sicherheit zu erwarten. Daß dortdie Stimmung im allgemeinen gegen einen Krieg außerhalb dereigenen Grenzen ging, war aus derselben Zeit bekannt. Brach derKrieg aus, und stand Preußen sogleich auf Rußlands Seite, sowäre es zunächst überschwemmt worden und von der Landkarteverschwunden. Alles kam aber darauf an, es einstweilen zu er-halten, bis ein glücklicher Umschwung ihm gestattete, seine Un-abhängigkeit wiederzugewinnen.

Scharnhorst, Gneisenau, Boyen und alle Patrioten, die demKönige nahe standen, drängten zu einem Entschlüsse, selbstredendzum Bündnis mit Rußland . Insgeheim wurden auch einige mili-tärische Vorbereitungen getroffen, die Ausbildung von Krümpernvermehrt, die Besatzung der Festungen verstärkt. Alles aber geschahnur in den Grenzen der bestehenden Heeresverfassuug und unterdem Vorwande einer strengeren Durchführung der Festlandssperre.Im August 1311 waren 74 000 Mann vorhanden und konntenauf 100000, ja selbst auf 124 000 gebracht werden. Gneisenau,der Heißsporn unter den Reformern, in dem viele Leute den künf-tigen Befreier Deutschlands zu erkennen glaubten, entwarf Plänezu einer allgemeinen Volkserhebung und überraschendem Losbruch.

Doch auch Napoleon hatte längst begonnen, seine Truppenin Deutschland zu verstärken, und der nüchterne Sinn des Königswiderstrebte jeder Übereilung. Er wendete sich am 16. Juli erneutan Kaiser Alexander und sandte Scharnhorst nach Petersburg .Doch brachte dieser nur die Zusicherung zurück, daß die russischenHeere nötigenfalls bis zur Weichsel vorgehen würden. Inzwischen