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1 (1910) Im Zeitalter Napoleons
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Rückzug dergroßen Armee" aus Rußland

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die Division Grandjean schon auf die ersten Hiobsposten hin nachBauske herangezogen hatte. So konnte der Abmarsch noch am18. Dezember beginnen. Dorck deckte ihn mit den preußischenTruppen. Er folgte erst am 20. und blieb zwei Tagemärschehinter den anderen zurück.

Der große Wendepunkt in der Geschichte Preußens nahteheran, und der wichtige Augenblick fand an der rechten Stelle denrechten Mann. Durch die sonderbare Fügung des Schicksals ge-wann das schwache preußische Korps eine Bedeutung, die weit überdas Gewicht seiner Zahl hinausging. Wie ein Wunder nimmt essich aus, daß es in dem Augenblick, als die Überbleibsel der fran-zösischen Heeresmacht sich Waffen- und wehrlos den preußischen Grenzennäherten, die stärkste geschlossene und verwendbare Truppenmacht dar-stellte, die auf diesem Teil des Kriegstheaters vereinigt war. Auch dieRussen sahen sich völliger Erschöpfung nahe. Ihre Neigung, nach demunerwarteten großen Erfolge die heimischen Grenzen zu verlassen,um auf fremdem Boden womöglich die Früchte ihres Sieges wiedereinzubüßen, war gering. Sie glaubten getan zu haben, was manvon einem Volke verlangen konnte. Blieb Aorck fest bei der fran-zösischen Sache, so würde das österreichische Korps, das aufdem entgegengesetzten Flügel Napoleons Flanke deckte, wohl eingleiches getan haben. Beide, verstärkt durch die etwa 40000Mann kriegsfertiger Truppen, über die Napoleon um die Jahres-wende östlich der Elbe verfügte, hätten der Verfolgung Ein-halt tun können. Diese wäre vielleicht schon am Pregel , dermasurischen Seenkette und dem Narew , spätestens aber an derstarken Weichsellinie zum Stehen gekommen. Sicher wäre es derFall gewesen, wenn Preußen dem mächtigen Bundesgenossen auchseine noch übrigen Truppen zur Hilfe sandte. Ob der König hieringewilligt haben würde, wenn das nun folgende Ereignis ausgebliebenwäre, ist heute nicht mehr zu entscheiden. Napoleon hätte jeden-falls Zeit zu seinen Rüstungen gefunden, und der nächsteFeldzug möchte an der Weichsel, nicht an der Elbe und Saale be-gonnen haben.

Es bleibe dahingestellt, ob Aorck die volle Bedeutung derLage übersah oder ob er sie, von richtigem soldatischem Gefühlegeleitet, mehr empfand als erkannte, sein Temperament wies ihmden rechten Weg, wie es so oft für den Soldaten der beste Pfad-finder ist.