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1 (1910) Im Zeitalter Napoleons
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Napoleon trifft in Deutschland ein

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von nahezu einer Viertelmillion stand wieder, seiner Winke ge-wärtig, auf deutschem Boden. Freilich besaß dieses Heer, das Er-gebnis einer tatkräftigen Improvisation, seine Schwächen, die inden Kauf genommen werden mußten, und die selbst das Genieeines Napoleon nicht beseitigen konnte. Die jungen Soldaten, dieer um die Fahnen geschart, waren an Strapazen nicht gewöhnt,gegen einreißende Massenerkrankungen nicht hinreichend gehärtet,zur Disziplin nicht so erzogen, wie es beim Kriegsausbruch hättesein sollen. Dazu kam, daß das Offizierkorps berechtigten An-forderungen nicht entsprach. Zu viele seiner alten und erfahrenenMitglieder waren umgekommen; junge Leute von einiger Bildunghatten an ihrer Stelle eingereiht werden müssen, wo und wie mansie fand. Man darf sich daher nicht wundern, wenn der Kaiserunwillig von denunfähigen Offizieren" sprach, die derSpottder Soldaten" seien. Während des ganzen Feldzuges machtesich dieser Mangel an diensterfahrenen Offizieren fühlbar, undnicht ohne Grund schrieb Napoleon ärgerlich an den Kriegs-minister:Sie schicken mir Offiziere, die Kinder sind, dienichts wissen und keinerlei Anleitung zu geben vermögen. SchickenSie mir Männer!" Auch in den oberen Regionen der Armeestand es nicht zum besten. Freilich sehen wir an der Spitze dergroßen Heereskörper nur berühmte Namen, Generale, die sich aufvielen Schlachtfeldern ausgezeichnet hatten. Aber sie waren in denbisherigen mühevollen Feldzügen an das Ziel ihrer Wünsche gelangt,hatten Ruhm, Ansehen und Reichtum gewonnen. Gesättigt strebtensie mehr nach Ruhe und dem Genuß des Erworbenen, als nachdessen Vermehrung. Es fehlte ihnen der lockende Preis unddaher auch der eigene innere Trieb zu neuen Großtaten. Ins-geheim mag den einen und andern auch wohl die Vorahnung vomUmschlage in des Kaisers Laufbahn beschlichen haben, und ertrachtete im stillen sehnlich danach, aus dem nahenden Schiffbruchdas Seinige in Sicherheit zu bringen.

Wie anders sah es im preußischen Heere aus. Die Ruhe-pausen an der Mulde und Pleiße waren ihm sehr zugute ge-kommen, um die inneren Mängel, die auch hier nicht fehlten, nachKräften auszugleichen. Die neue Fechtweise wurde fleißig geübt.Es war Scharnhorsts Verdienst, daß mit den Exerzierkünsten von1806 vollständig aufgeräumt wurde.Die Friedensübungen warenvon allen Spielereien freigehalten und nur auf den Felddienst

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