Druckschrift 
1 (1910) Im Zeitalter Napoleons
Entstehung
Seite
244
Einzelbild herunterladen
 

244

IV. Die Befreiungskriege

gerichtet." Das neue Reglement von 1812 mit der Anregung derSelbsttätigkeit aller einzelnen Teile, das sich in Kurland so trefflichbewährt hatte, lebte sich überall ein. Die Verbindung des Schützen-gefechtes mit dem Stoß der beweglichen Kolonnen trat in denVordergrund, Linie und Salve dagegen zurück. Jorcks Jägerhatten vorbildlich in der neuen Fechtart gewirkt. Die Dienstzeitder Mehrzahl der Mannschaften übertraf die der napoleonischenTruppen; ihre Ausbildung und Erziehung zur Mannszucht warder französischen weit überlegen. Dies ist auch von den Russenzu sagen. Ohne Zweifel handhabten die Generale der Verbündetenein schärferes und besseres Werkzeug als der Kaiser. Dies tratinsbesondere bei der Reiterei hervor, die auch bei weitem zahlreicherals die feindliche war. Kavallerie läßt sich nicht improvisieren.Die Beherrschung des Pferdes will erlernt sein. Der Franzose istim allgemeinen kein Naturreiter.

Ein trefflicher Sinn herrschte unter den preußischen Truppen.Sie sehnten sich dem Kampfe entgegen, um die lange mit Ingrimmertragene Unbill zu rächen und die alte Schmach der Niederlageendlich vollkommen zu sühnen. Kriegslustiges Aussehen und eingutes, ernstes Benehmen der Mannschaft erregte überall wohlver-dientes Aufsehen. Die freiere Stellung des Bauernstandes, derEinfluß der aus den gebildeten Klassen herbeigeeilten Freiwilligenund die bessere menschliche Behandlung des Untergebenen durchseine Borgesetzten kamen deutlich zur Geltung. Ein stilles Ver-trauen auf sich und den Triumph seiner Sache leuchtete aus jedesEinzelnen Mienen.Nie war eine Armee von besserem Geistebeseelt" urteilt Clausewitz . Wohl vermag das Genie auch miteinem Werkzeuge von geringerem Werte Großes zu vollbringen;doch auch hierin kennt seine Macht ihre Grenzen. Es muß ver-sagen, sobald es anfängt, dies Werkzeug zu vernachlässigen, wiees bei Napoleon 1812 geschah, oder auch, wenn es Unmöglichesvon ihm verlangte, wie es 1813 noch geschehen sollte. Die be-deutsamste aller Ursachen für des Kaisers Niederlage in dem bevor-stehenden großen Kriege war die moralische und physische Über-legenheit des Heeres seiner Gegner.

Seinen ersten Plan hatte der Kaiser mittlerweile fallen lassenmüssen. Das Vorbrechen über Havelberg auf Stettin war jetztnicht mehr möglich; dazu standen die Verbündeten zu nahe inseiner rechten Flanke. Sie hätten ihm freilich Schlimmeres antun