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1 (1910) Im Zeitalter Napoleons
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IV. Die Befreiungskriege

bei Seidnitz auch lange hin und her wogte, blieb der Vorteil dochauf feiten der Franzosen. Wittgensteins Avantgarde verlor Seidnitzetwa um 11 Uhr vormittags und bald danach auch Dobritz. Soblieb ihr nichts übrig, als die Pirnaer Straße zu räumen undauf Reick zurückzuweichen. Hier fand sie an Wittgensteins Haupt-macht und an den Preußen Halt.

Im Hauptquartier der Verbündeten wurde ein allgemeinerAngriff gegen Mortier erwogen, um ihn an die Elbe zu werfen unddadurch die Pirnaer Straße wieder frei zu machen. Jomini undMoreau, die sich beide bei Kaiser Alexander befanden, rieten dazu,und dieser befahl um 1 Uhr nachmittags Barclay die Ausführung,aber Barclay hatte Bedenken, und ehe diese gehoben waren, gingder Tag vorüber. Das aussichtsvolle Unternehmen kam nicht mehrzustande.

Vandamme hatte inzwischen Pirna und den nahen Kohlbergbesetzt, von dem aus er die Teplitzer Straße beherrschte. Regenund Nebel verhinderten ihn jedoch, die ihm gegenüberliegende Stellungdes Herzogs Eugen deutlich zu erkennen. Er hielt dessen Kräftefür stärker als sie waren und verschob sein Vorgehen nach Berg-gießhübel und Hellendorf auf den nächsten Morgen.

Napoleon erhielt ebenso wie die Verbündeten noch auf demSchlachtfelde Nachricht davon, daß Vandamme am linken Elbuferstünde. Befriedigt vom Ergebnis des Tages ritt er, völlig durch-näßt, um 4 Uhr in die Stadt zurück, gefolgt von einem langenZuge Gefangener. 3 Generale, 13 000 Mann, meist Österreicher,15 Fahnen und 26 Kanonen waren in seine Hand gefallen.Heuterettete das schlimme Wetter den Feind vor völliger Vernichtung."Ich denke eher in Böhmen zu sein, als meine HerrenKollegen" äußerte er in vergnügtester Stimmung.

Auf beiden Flügeln waren die Verbündeten am 27. geschlagen.

Der Rückzug war trotzdem noch nicht unvermeidlich. DieMitte hatte sich behauptet. An Kräften waren sie jetzt, wo auchKlenau heran kam und sie die ganze Macht versammelt hatten,Napoleon überlegen. Sie verfügten bei Dresden über mehr als180 000, bei Pirna über etwa 20 000 Mann gegen 140000 und40 000 Napoleons . Die Schlacht konnte mit guten Aussichtenerneuert werden. Blieben sie stehen und hielten sie Napoleon fest, so hätte dieser sich schwächen müssen, sobald die schlesischeund Nordarmee sich regten. Dann wäre der Umschwung eingetreten.