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1 (1910) Im Zeitalter Napoleons
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IV. Die Befreiungskriege

schwere gewesen, wie es sich bei der großen Übermacht der Ver-bündeten leicht erklärt. Nur 33 500 Mann hatte er auf demSchlachtfelde gegen 74 000 Feinde geführt. 8000 Mann ließ ertot, verwundet oder gefangen zurück. Die Verbündeten hatten nichtmehr als etwa 2500 Mann eingebüßt. Die Vorahnung seinesnahen Unterganges muß den Kaiser bei dem Blick auf das reißendeZusammenschmelzen seiner Streitkräfte ergriffen haben. Nicht mehrdie Gewalt, sondern nur noch List und Überraschung verhießenihm Rettung.

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Unter diesen Umständen gewann in seiner Seele der Plan dieOberhand, sich ostwärts zu wenden und sich dort auf die rückwärtigenVerbindungslinien seiner Gegner zu werfen. Er hatte ihn in derletzten Zeit schon mehrfach ernsthaft erwogen. Die immer heftigerauflodernde Schilderhebung der lothringischen Bauern zu seinenGunsten versprach ihm eine beachtenswerte Hilfe. Aus den Grenz-festungen vermochte er Truppen herauszuziehen, welche im sreienFelde verwendbarer waren als die jungen Konskribierten, die ausdem Lande den Fahnen zugeführt wurden. Er rechnete auf an-sehnliche Verstärkungen, die seinem Auftreten im Rücken der Ver-bündeten das nötige Gewicht verleihen konnten. Das ganze Unter-nehmen bot ihm den letzten Hoffnungsanker dar. Noch am 21. Märzdes Abends in Sompuis entschloß er sich dazu. Ney erhielt denBefehl schon am 22., einen Versuch gegen das von den Ver-bündeten besetzte Vitry-le-Fran?ais zu machen. Er felbst wolltedorthin folgen. Wie einst Karl XII. das langersehnte HeranrückenLöwenhaupts mit Verstärkungen und Lebensmitteln in seiner Un-geduld am Ende nicht abwartete, so tat es hier der Kaiser nicht nurmit Marmont und Mortier, sondern auch mit den von ClMeauThierry nachrückenden Kolonnen und Parks. Noch waren die Ver-bündeten nicht über die Aube gefolgt, und er hätte die Zeit gehabt,alle Kräfte zusammenzuziehen, die ihm geblieben waren. Aber dieUnruhe, durch einen neuen Schlag wieder festeren Boden für dieweiteren Unternehmungen zu gewinnen, trieb ihn vorwärts. NeysVersuch gegen Vitry schlug nach kurzer vergeblicher Beschießung fehl.Trotzdem überschritt der Kaiser die Marne oberhalb der Stadt undging weiter auf St. Dizier vor. Marmont und Mortier solltensehen, wie sie über Chälons zu ihm herankämen, Macdonald undOudinot von der Aube her ihm folgen.