Druckschrift 
1 (1910) Im Zeitalter Napoleons
Entstehung
Seite
474
Einzelbild herunterladen
 

474

IV. Die Befreiungskriege

das jegliche große Anstrengung mit sich bringt, die zur Aufrecht-erhaltung der Selbständigkeit und Sicherheit des Vaterlandes er-forderlich ist. Jeder einzelne hatte seither viel Härteres erduldet. Be-denken und Rücksichten, die man zuvor für unüberwindlich hielt,verloren ihre Bedeutung. Eingebildete Schwierigkeiten zerflossenin nichts. Das Unglück brachte die Menschen einander näher, dasgemeinsame nationale Gefühl, der Stolz auf das eigene Volkstum,die Erinnerung an die große Vergangenheit erwachten, und diegesunde Leidenschaft war wieder erweckt worden, ohne die keinKrieg mit Ehren geführt wird.

Das Verdienst der Armee, und ihres Offizierkorps insbesondere,war es gewesen, die Truppen in nur sechsjähriger angestrengterFriedensarbeit so weit zu bringen, daß sie an kriegerischer Brauch-barkeit sich dem bis dahin stets siegreichen Feinde überlegen zeigten.Sie glichen durch ihre Tüchtigkeit zum guten Teil die Überlegen-heit von Napoleons Feldherrngenie aus, dessen Heere, von weicheremStoff geschaffen, unter den Leiden und Strapazen des Feldzugesdahinschmolzen wie der frische Schnee im Frühjahr. Aber auchan allgemeiner Führertüchtigkeit stand die preußische Armee höherals ihre Gegner, und zwar dank der Erhaltung des Offizierkorpsder alten Armee. Bis 1806 war es freilich in falschen Anschau-ungen und Irrlehren befangen gewesen. Indessen die Grundlagengroßer Leistungen: Pflichtgefühl, Treue, Tapferkeit, Hingabe anden Dienst und ein edler Ehrgeiz im Herzen hatten ihm nie ge-fehlt. Ein aus der Mannschaftswahl hervorgegangenes Offizier-korps, wie es die am weitesten fortgeschrittenen Reformer verlangthatten, würde niemals einen hinreichenden Ersatz geboten und niean seiner Stelle die Heere der Befreiungskriege in gleicher Artzum Siege geführt haben.

Das schönste Beispiel gaben Blücher und Gneisenau. Deralte Feldmarschall hat der Welt den Beweis geliefert, daß uner-schrockene Tüchtigkeit und ruhiges Selbstvertrauen, verbunden mitoffenem Blick und dem ernsten Willen, vom Feinde zu lernen, sehrwohl das angeborene Genie bis zu einem gewissen Grade zu ersetzenvermögen. In den Oktobertagen von 1813 beim Elbübergange derschlesischen Armee und in dem kühnen Wechsel der Rückzugsliniebei dem Abmarsch hinter die Saale vor der Völkerschlacht vonLeipzig erscheint uns Blücher als der in Gedanken nnd EntschlüssenNapoleon überlegene Heerführer. Bei Brienne zeigte er sich ihm