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IV. Die Befreiungskriege
rationen wurde erst auf den Juli, dann zum Schluß auf den27. Juni verlegt, was zumal den alten Blücher mit der äußerstenUngeduld erfüllte, als er erfahren, daß er wiederum den Oberbefehlgegen den verhaßten Erbfeind übernehmen sollte und daß Gneisenaunach dem Rheins abreiste, um als sein Generalstabschef die erstenAnordnungen zu treffen. Er sah voraus, daß der Kaiser denVerbündeten nimmermehr die Zeit zur Entwickelung ihrer Über-macht lassen werde. Das gebot Vorsicht. Wellington glaubte sogar,mit den ihm zur Verfügung stehenden Truppen nicht einmal diezeitige Residenz des Königs der Niederlande, Brüssel, sowie Gent ,den Zufluchtsort Ludwigs XVHI. dauernd schützen zu können.Dabei fürchtete er, daß das Preisgeben dieser beiden Städte einensehr ungünstigen Eindruck auf die öffentliche Meinung machenwerde. So veranlaßte er denn Gneisenau, die preußische Armeelängs der Maas mit der Spitze bis Charleroi vorzuschieben.Gneisenau verhehlte sich die Gefahr eines so weiten Vorgehens mitder noch unfertigen Armee zwar durchaus nicht, glaubte aberdennoch aus Politischen Gründen nachgeben zu sollen und erklärtesich bereit, die verlangte Bewegung einzuleiten, obschon sie „untereinem rein militärischen Gesichtspunkt nicht zu rechtfertigen seinwürde."
Napoleon standen zwei Wege offen. Er konnte den Angriffinnerhalb der Grenzen Frankreichs erwarten und zuvörderst durchfriedliches Verhalten Europa einen Teil der Berechtigung entziehen,ihn als den allgemeinen Friedensstörer hinzustellen. Hierbei wärees ihm möglich gewesen, die Kräfte Frankreichs gründlicher zuentwickeln. Er selbst rechnet, daß er dann eine Hauptarmee von240000 Mann gegen die Niederlande und eine schwächere von60000 an der Ostgrenze hätte aufstellen können, dahinter 116000Mann neuer Truppen bei Paris und 25 000 bei Lyon. Zudemwürde die starke Befestigung der Hauptstadt, deren Unterlassen imJahre 1814 sich so schmerzlich fühlbar gemacht hatte, möglich ge-wesen sein. Seine Verteidigung hätte damit einen viel stärkerenRückhalt gewonnen, als ehedem. Die Freiheit der Bewegung warfür ihn eine ganz andere, wenn er Paris zeitweise feinen eigenenKräften überlassen konnte.
Aber zur Durchführung eines solchen Planes hätte gehört,daß seine wieder errichtete Macht in Frankreich feste Wurzeln be-saß. Das war im Augenblicke nicht der Fall. Schon erhob sich