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1 (1910) Im Zeitalter Napoleons
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IV. Die Befreiungskriege

beginnen, ehe sie dazu bereit waren. Er berechnete, daß sie erst am15. Juli fertig sein könnten, sein Feldzug sollte daher spätestens am15. Juni eröffnet werden. Bis dahin hoffte er eine hinreichend starkeArmee in Flandern beisammen zu haben, und der erste Schlag konntenatürlich nur dort geschehen, wo er ein lohnendes Ziel vor sichfand. Ein früherer Losbruch hätte den noch schwachen Gegnerzum Ausweichen ohne Kampf veranlassen können, und diesmal nochdringender als in den letzten Feldzügen bedürfte er vor allem baldder großen siegreichen und entscheidenden Schlacht.

Die Gelegenheit dazu war günstig. Der erste Feind, den erangreifen wollte, bestand aus zwei Armeen. Die eine unter einemFührer von hoher soldatischer Begabung, aber vorsichtig,immermehr dazu geneigt, eine Schlacht anzunehmen als wie sie zuliefern" die andere von einem Feldherrn geführt, der zu allenWagnissen bereit war, der Napoleon nach den Ereignissen von1813 und 1814 eher zu gering als zu hoch einschätzte und keines-wegs geneigt war, ihm zu weichen, wo nur die Stärkeverhält-nisse einigermaßen Aussicht auf Erfolg boten. Auch waren beideArmeen verschieden basiert. Ihre natürlichen Verbindungs- undNückzugslinien liefen scharf auseinander, die der englisch -holländischenArmee auf Brüssel und das Meer, die der preußischen auf Lüttich und den Rhein . Nach dem gewöhnlichen Lauf der Dinge mußteein erster siegreicher Stoß sie voneinander trennen, und der Kaisergedachte ihn gegen den Punkt zu richten, an dem beide sich berührten.Unzweifelhaft war dieser Plan schon deshalb der bessere, weil erzu des Kaisers Lage und zu seiner ganzen Sinnesart besser paßteals der erste. Er besitzt eine unverkennbare Ähnlichkeit mit dem-jenigen, den er im Jahre 1796 mit so großem Erfolge durchgeführthatte. Aber sein Gelingen hing davon ab, daß der Kaiser von1315 mit derselben Entschlossenheit, Einsicht und Schnelligkeithandelte, wie der jugendliche Bonaparte von damals. Nur wennein betäubender Schlag überraschend dem anderen folgte, war esmöglich, mit der Minderheit die Mehrzahl der anfänglichen Gegnerderart zu zerstören, daß auch die später herbeieilenden Streitkräftedas Gleichgewicht nicht wieder herzustellen vermochten.

Zu Anfang des Monats Juni verfügte der Kaiser im ganzenüber etwa 200000 Mann an Feldtruppen, von denen 15 000 anden Pyrenäen, 15000 gegen Italien, 25000 am Rhein , 20000in der Vend6e und in runder Zahl 125 000 mit 344 Ge-