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IV. Die Befreiungskriege
Marschall Ney ein, den er nunmehr mit der Führung der linkenFlügelkolonne betraute. Er sollte den Feind in der Richtungauf Brüssel zurücktreiben und des Kaisers linke Flanke sichern.Sofort eilte er zu Reille, den er bereits im Besitz von Gosseliessand. Auch von hier waren preußische Truppen zurückgewichen.Der Marsch wurde gegen Quatre-Bras fortgesetzt. Aber noch vordiesem Orte, bei Frasnes, stieß man gegen 7 Uhr abends bereitsauf Abteilungen des Wellingtonschen Heeres, die gegen Quatre-Bras zurückwichen und dort Stellung nahmen. Statt ihnen zufolgen und sie aus derselben noch zu vertreiben, was an demlangen Junitage wohl möglich gewesen wäre, machte Ney beiFrasnes Halt und kehrte zur Nacht zu seinem Kaiser zurück, umnochmals persönlich Abrede mit ihm zu treffen. Dieser hatte in-zwischen die Preußen bis Fleurus verfolgt und war dann um8 Uhr abends nach Charleroi geritten, wo er sein Hauptquartierbehielt. Überwältigt von Müdigkeit kehrte er dort ein und warfsich auf sein Bett, um einige Stunden zu ruhen. Denn seit 3 Uhrmorgens befand er sich zu Pferde, und das Reiten fiel ihm schwer.Auch litt er unter einer peinigenden Krankheit. Das war anders,als ehedem in den Tagen von Marengo, Jena und Eylau, wo erin einer Lage wie hier unzweifelhaft rege und vorn bei den amFeinde stehenden Truppen verblieben wäre, um mit dem erstenStrahle der Morgensonne von neuem aufzubrechen.
Schon fehlte ihm die Spannkraft, wie sie der um zwei Jahreältere Friedrich der Große im Oktober 1759 bewiesen hatte, alser, schwer von der Gicht und dem Fieber befallen, mit unverminderterEnergie dennoch seine Heere weitergeführt hatte. Die eigene Personstand dem Kaiser im Mittelpunkte des Interesses. Er hatte esverlernt, sie der Pflicht und der soldatischen Größe zum Opfer zubringen. Und er — der Fatalist — zweifelte schon an seinemStern. Er war müde und in sich selbst zerrissen. Im Geisterückkehrend zu den jetzt vor ihm liegenden entscheidenden Tagen,hat er später selbst von sich sagen müssen, daß er nicht mehr dasGefühl des endgültigen Erfolges, nicht mehr sein ursprünglichesVertrauen in sich getragen habe, „sei es, daß dasjenige Alter,welches gewöhnlich das Glück begünstigt, mir zu entschlüpfen begann,sei es daß in meinen eigenen Augen, in meiner eigenen Einbildungdas Wunderbare in meiner Laufbahn verletzt war; immerhin ist essicher, daß ich in mir fühlte, daß mir etwas abging."