Schwieriger Anmarsch der Preußen
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strengung. Dort war es, wo Blücher ihnen die geschichtlich bekanntgewordenen Worte zurief: „Vorwärts, Kinder, es heißt wohl, esgeht nicht, aber es muß gehen! Ich habe es ja meinem BruderWellington versprochen. Ihr wollt doch nicht, daß ich wortbrüchigwerden soll!"
Von der Höhe über Frichemont, wohin Blücher vorausgeeiltwar, übersah er einen großen Teil des Schlachtfeldes und über-zeugte sich selbst vom vollen Ernste des Kampfes. Auch ließ sicherkennen, daß man dem Anscheine nach unbemerkt in den Rückendes rechten französischen Flügels gelangt war. Bei Belle-Alliancesah man starke Truppenmassen — des Kaisers Garde — nochwartend stehen. Dorthin entschloß sich der Feldmarschall, seinenAngriff zu führen. Aber trotz allen Treibens und Drängens warnoch viel Zeit nötig, um die hinreichenden Kräfte herankommen zulassen. Die preußischen Marschkolonnen reckten sich auf den ent-setzlichen Wegen sehr in die Länge. Erst um 4^ Uhr warenBülows beide vordersten Brigaden Plancenoit gegenüber im „Waldevvn Paris" bereit, die Reserveartillerie auf dem Wege ebendorteingetroffen und die Reservekavallerie hinter dem Walde verdeckt.Die anderen Brigaden blieben noch weit zurück. —
Auf dem Schlachtfelde hatte inzwischen der linke Flügel desKorps Reille vergeblich versucht, das Schloß Hougomont zu nehmen.Um 1 Uhr nachmittags entwickelte Napoleon , der nicht länger zuwarten vermochte, trotzdem 80 Geschütze hart nordöstlich von Belle-Alliance, um den Angriff auf die englischen Linien bei Mont St.Jean vorzubereiten. Noch ehe dieser begann, traf ihn die ersteNachricht von der Anwesenheit preußischer Truppen — der Vor-hut Bülows — bei St. Lambert. Er schien ihr nur geringeBeachtung zu schenken. Zwei Kavalleriedivisionen entsandte eraus der Reserve dorthin und ließ erst nach einiger Zeit das KorpsLobau folgen. Grouchy erhielt den nach Zeit und Raum unaus-führbaren Befehl, sich mit ihm zu vereinigen und das KorpsBülow zu vernichten. Schmerzlich mag der Kaiser jetzt den Fehlerempfunden haben, den er mit der Abzweigung von 30000 Mannbegangen hatte, die zur Beobachtung der Preußen zu stark, zurvernichtenden Verfolgung zu schwach waren. Auf dem Felde derEntscheidung hätten sie jetzt ganz andere Dienste zu leisten vermocht.
Die höchste Eile war nunmehr geboten. So erhielt Neyschon um l^/z Uhr nachmittags, noch ehe die französische Artillerie