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Die griechische Wirtschaftsentwicklung.
sehen Verhältnisse gelockert. Die Auflösung der altenGroßfamilie als Wirtschaftseinheit beginnt: Wurde durchdas Umsichgreifen der Sklavenwirtschaft einerseits die Zahlder einer Hausgewalt Unterworfenen vermehrt, so wurdenandererseits als Folgen der fortschreitenden Ersetzung derNaturalwirtschaft durch eine auf Arbeitsteilung beruhendeWirtschaftsorganisation gleichberechtigter Freier neue Wirt-schaftseinheiten geschaffen, die mit entgegengesetzten Inter-essen sich gegenüberstanden. Mit der Produktion für denMarkt begann der Bauer in Verschuldung zu geraten. In dieWirtschaft des Großgrundbesitzers drangen mehr und mehrkapitalistische Gesichtspunkte ein. Konnte der Bauer seineSchulden oder Wucherzinsen nicht zahlen, so verfiel er derStrenge eines unerbittlichen Schuldrechts, die auch denBürgen traf, der sich für ihn verpfändet hatte. War derBauer ruiniert, so wurde sein Land vom Großgrundbesitzererworben. Ein umfassendes Bauernlegen fand statt. Aberauch der Großgrundbesitzer brauchte Geld und immer mehrGeld, um angesichts des teuerer werdenden Lebens seinestandesgemäße Stellung zu behaupten. Daher auch dieAdligen sich in steigendem Maße an Handel und Schiff-fahrt beteiligten, und als Kaufleute in fremde Länder gingen.So entstand in den Handelsstädten eine Kaufmannsaristo-kratie, während der weniger Gewinn bringende Landbau oftvöllig vernachlässigt wurde. „Das Geld macht den Mann“wurde ein Wahlspruch der Zeit 1 ).
Sechstens. Diese sozialen Veränderungen habendann auch zu Umgestaltungen der Verfassung geführt. In-folge der Entwicklung von Handel und Gewerbe istzwischen Adel und Bauern ein neuer Stand der städtischenGewerbetreibenden, der Händler, Kaufleute, Matrosen undall der freien Arbeiter getreten, welche von den neuen Er-werbszweigen lebten. Vereint mit den Bauern haben sie dieAdelsherrschaft gestürzt und das Bürgertum an seine Stellegesetzt. Diese Wirkung war eine Folge davon, daß das
1) EduardMeyer, Kleine Schriften, S. 109, 110; Be 1 ocli,Griech. Gesch. I, 1, S. 306 ff.