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Das Wirtschaftsleben der antiken Welt : Vorlesungen gehalten als Einl. z. Wirtschaftsgeschichte d. Mittelalters / von Lujo Brentano
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Die griechische Wirtschaftsentwicklung.

der Behauptung, daß die Griechen voll kapitalistischenGeistes gewesen sind x ). Derartige Urteile finden sich ingroßer Menge auch in der heutigen Zeit, und Niemandwürde in ihnen etwas anderes als gerade eine Bestätigungihres kapitalistischen Charakters erblicken.

So haben nach den Phönikern die Griechen zuerst denKapitalismus in Europa entwickelt. Wie die Phöniker sindsie durch die Natur ihres Landes dazu genötigt worden 1 2 ).Zum Ackerbau war Griechenland im allgemeinen wenig ge-eignet; schon früh sah sich daher die wachsende Volks-menge zur Auswanderung über See genötigt; erst alsHandel und Industrie auf kamen und statt der MenschenWaren auszuführen gestatteten, konnte sie sich in derHeimat ernähren. Die Griechen sind dann vor Allen dieTräger des kapitalistischen Geistes geworden; denn derhellenistische Geist hat die ganze Welt überflutet, und, woer einzog, kamen mit ihm der Kapitalismus und das Strebennach dem größtmöglichen Gewinn. Das Volk aber, dessenHellenisierung bis zum heutigen Tage die einschneidensteWirkung auf die kapitalistische Entwicklung Europas ge-übt hat, ist dasjenige gewesen, das nach den Phönikernund Griechen das Haupthandelsvolk der Welt geworden ist die Juden. Ich wende mich zur wirtschaftlichen Ent-wicklung dieses Volkes am Ostbecken des Mittelmeeres.

1) Vgl. auch O. Neurath , Zur Anschauung der Antikeüber Handel, Gewerbe und Landwirtschaft in Conrads Jahr-büchern für Nationalökonomie und Statistik, 3. F. Bd. 32, 1906;ferner Eduard Meyer, Kleine Schriften, S. 121 ff.

2) Vgl. auch Be loch, Griech. Geschichte, 2. A., I, 1, S. 50.