Die altjüdischen Wirtschaftsverhältnisse. 81
Ziehungen unter Volksgenossen Autorität und Herkommenmaßgebend waren, war demgemäß dem Fremden gegen-über auch im friedlichen Verkehr die Wahrung jedwedenVorteils gestattet. Aber bei den übrigen Völkern ist mitfortschreitender Kultur dieser Unterschied geschwunden; beiden Juden tritt er uns in der Diaspora erst recht entgegen.Die scharfe Absonderung von allen Völkern, wie sie das„Gesetz“ statuiert hat, ist also auch auf das wirtschaftlicheGebiet übertragen worden. Nicht nur im Großhandel, auchim Darlehen wird der Jude nunmehr vom kapitalistischen Geiste beherrscht. Das ist so sehr der Fall, daß nach derRückkehr aus dem Exil die Adeligen auch ihre dürftigenVolksgenossen auszuwuchern beginnen. Doch zeigt das ent-rüstete Einschreiten des Nehemia 1 ) das Anormale diesesVorgangs. Wo immer jüdische Volksgenossen bewuchertwurden, geschah es gegen das „Gesetz“, das für die Judenalles war. Anders steht es mit der Bewucherung derFremden, welche das Gesetz ausdrücklich erlaubt hat 2 ).Die Juden fangen an, die großen Geldverleiher zu werden,als welche sie uns in den folgenden Jahrhunderten ent-gegentreten. Auch fangen sie an, für den Staat Geschäftezu machen, welche den Besitz von größeren Geldkapitalienzur Voraussetzung hatten. So werden sie Steuerpächter,Zollaufsichtsbeamte, ln Alexandrien haben sie das Amt desAlabarkos, des obersten Zollaufsichtsbeamten, für langeZeit monopolisiert 3 ).
1) Nehemia 5, 1 ff.
2) Funk, Die Juden in Babylonien 200—500, Berlin 1902,1908, führt I, 21 zwar aus dem Talmud die Stelle an (Baba mes.70 b): „Wenn ein Jude einem Heiden auf Zins leiht, so wirdihn der Himmel strafen, als wenn er einem Israeliten geliehenhätte“; aber an späterer Stelle (II, 83) erzählt er selbst, daßmanche Juden das Verbot, vom Juden Zins zu nehmen, um-gangen hätten, indem sie das Geld einem Heiden liehen, der esan den Juden weitergab. Das kennzeichnet, wie sehr, wenn auchnicht auf den Geist, so doch auf das Wort des Gesetzes gehaltenwurde.
3) Vgl. Jean Just er a. a. O. II, 311.
L. Brentano, Das Wirtschaftsleben der antiken Welt.
6