80 Die altjüdischen Wirtschaftsverhältnisse.
genossen; auch Handwerk haben sie getrieben; beidesselbst noch in der nachbiblischen Zeit 1 ). Aber vor allemhaben sie sich da zu jenem Handelsvolk zu entwickeln be-gonnen, als welches wir sie in der Wirtschaftsgeschichtevornehmlich kennen. Bei den Babyloniern hatten sie hoch-entwickelte Handelsverhältnisse vorgefunden. Zahlreiche inden neuerdings veröffentlichten Keilschrifttexten enthalteneQeschäftsurkunden zeigen, daß sich die exilierten Juden andiesem Handelsleben eifrig beteiligt haben 2 ), sowohl alsGroßhändler, als auch in den in Babylonien insbesondereausgebildeten Geldgeschäften. Nun geht der Handel darinauf, ein Sachvermögen nutzbar zu machen, indem billig ge-kauft und teuerer verkauft wird, und naturgemäß ist dabeisein Ziel, daß die dabei erzielten Überschüsse möglichstgroß seien. Der Handel ist seinem innersten Wesen nachkapitalistisch. Soweit die Juden Handel trieben, wurden siealso notwendig vom kapitalistischen Geiste erfaßt.
Aber noch mehr. Alsbald äußert sich der kapitalistischeGeist auch im Gelddarlehen. Gelddarlehen hatte es schonvor dem Exil gegeben, als die Juden noch in Palästinalebten. Aber sie waren, wie bei allen primitiven Völkern,noch nicht vom kapitalistischen Geiste getragen gewesen.Im Leviticus Kap. 25, Vers 36 und 37 wird es ausdrück-lich und ohne jedwede Einschränkung verboten, beim Dar-lehen Zinsen zu nehmen. Anders dagegen in dem späteren,erst nach dem Exil abgeschlossenen Deuteronomium. Dawird Kap. 23, Vers 20 und 21 das Wucherverbot für Dar-lehen unter Israeliten wiederholt, aber der Zusatz hinzuge-fügt: „Von dem Ausländer darfst du Zinsen nehmen, abervon deinem Volksgenossen darfst du keine fordern.“ DerUnterschied zwischen der früheren und der späteren Vor-schrift ist sehr bemerkenswert. Bei allen Völkern galt derFremde ursprünglich als Feind. Während für die Be-
1) Vgl. Funk, Die Juden in Babylonien 200—500. Berlin 1902, 1908. II, 68, 66 u. a. a. O.
2) Es finden sich in diesen Geschäftsurkunden eine großeAnzahl jüdischer Namen, die zugleich meist in den Büchern Esraund Nehemia Vorkommen.