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Die Entwicklung der römischen Volkswirtschaft.
auch nur Siziliens wegen entbrannt, so blieb er doch dabeinicht stehen. Rom wurde in die Händel des ganzen Mittel-meerbeckens verstrickt. Ober hundert Jahre hat der Kampfzwischen Rom und Karthago gedauert, und nachdem einmaldie Grenzen Italiens überschritten waren, gab es kein Haltenmehr. Die nie aufhörende Kriegführung mußte aber not-wendig auf das römische Wirtschaftsleben zurückwirken,und da die Römer von Haus aus ein Bauernvolk gewesenwaren, vor allem auf die Lage der Bauern.
Ich habe erzählt, daß bei den Römern wie bei andernVölkern ursprünglich Feldgemeinschaft bestanden habe.Nachdem ein Sondereigentum am Acker an die Stelle derjährlich wechselnden Sondernutzung getreten war, herrschteanfänglich Kleinbesitz und Kleinbetrieb in der Landwirt-schaft. Der Bauer mit seiner Familie, mit Weib und Kindund eventuell einem Sklaven besorgte die Wirtschaft 1 ). DieHauptfrucht war Getreide 2 ); frühzeitig fand auch Weinbaustatt 3 ); der Ölbau ist jünger 4 ).
Wie groß das normale Bauerngut gewesen sei, iststrittig. Gehen wir, um zu einer annähernden Vorstellungzu gelangen, von dem aus, was die Bauernfamilie zu ihremLebensunterhalte brauchte 5 ). Nehmen wir an, daß derNahrungsbedarf 260 kg (3,4 hl) Weizen pro Kopf derbäuerlichen Haushaltung betragen habe, wozu noch ein Be-darf von 8,75 1 Salz und 6,5 1 Öl gekommen sei. Daslandwirtschaftliche Bestellungssystem war die Zweifelder-wirtschaft. Das ist ein recht extensives System. Nur das7. Korn wurde geerntet; also 3,06 hl auf ein jugerum = einMagdeburger Morgen, oder 12,25 hl auf 1 ha. Erwägenwir nun, daß die bäuerliche Wirtschaft keine sich selbstgenügende Hauswirtschaft war. Kleider und Schuhe,
1) Vgl. Horaz, Ep. II, 1, 138ff.; Sat. II, 115. — Varro
I, 17, 2. — Mommsen, a. a. O. 186, 187.
2) Mommsen, a. a. O. 184. 3) Ebenda 185.
4) Ebenda 186.
5) Vgl. die Berechnungen von Gerhard Pfeiffer inseiner Schrift „Agrargeschichtlicher Beitrag zur Reform des Tibe-rius Gracchus“, Münchner Doktordissertation, 1914, S. 59 ff.