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Die byzantinische Volkswirtschaft.
kennen gelernt haben. Seine Landwirtschaft versorgtegroßenteils Rom mit Getreide. Die Kaiser hatten großenDomanialbesitz in Ägypten , der ganz kapitalistisch nutzbargemacht wurde. Er war an Großpächter verpachtet, diedann das Land an Bauern weiter vergeben haben x ). SeineFabriken, deren Produkte wir bereits kennen gelernt haben,beschäftigten Tausende 1 2 ) und verschafften selbst KrankenUnterhalt. Von der Entwicklung seiner Schiffahrt gibt eineVorstellung, wenn wir hören, daß unter Augustus ein Last-schiff außer einem Obelisk 200 Matrosen, 1200 Passagiere,400 000 römische Scheffel = 34 000 Hektoliter Weizen undeine Ladung von Leinwand, Glas, Papier und Pfeffer nachRom geführt hat 3 ), ln Alexandrien strömten alle Warenaus Äthiopien , Indien und Arabien zusammen, um von daaus zusammen mit den eigenen Produkten des Landes nachdem Westen vertrieben zu werden. „Alexandrien “, sagt einrömischer Schriftsteller des dritten Jahrhunderts, „ist eineStadt der Fülle, des Reichtums und der Üppigkeit, in derniemand müßig geht; dieser ist Glasarbeiter, jener Papier-fabrikant, der dritte Leinweber; der einzige Gott ist dasGeld“ 4 ). Allgemein galt es in der vorkonstantinischen Zeitals die erste Handelsstadt der Welt und die zweite Stadtdes römischen Reiches. Es war das Zentrum der helle-nistischen Kultur, und schon Cäsar, Antonius, Nero, Getasollen den Gedanken erwogen haben, auch den Sitz derRegierung dahin zu verlegen 5 ).
Blicken wir auf das Dargelegte zurück. Es zeigt,daß die Wirtschaftsordnung der Osthälfte des Römer-reichs den kapitalistischen Charakter, welcher ihr, sobalddie Bevölkerung zunahm, durch die Natur der Länder auf-gedrängt wurde, im Laufe der Jahrhunderte nicht nur fest-gehalten, sondern immer schärfer entwickelt hat. Der,
1) Mommsen, a. a. O. S. 573, 574.
2) Vgl. den angeblichen Brief des Kaisers Hadrian bei Vo-piscus in der vita Saturnini 8.
3) Mommsen, a. a. O. S. 576.
4) Vgl. Vopiscus, a. a. O.
5) Mommsen, a. a. O. S. 573.