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Das Wirtschaftsleben der antiken Welt : Vorlesungen gehalten als Einl. z. Wirtschaftsgeschichte d. Mittelalters / von Lujo Brentano
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Die byzantinische Volkswirtschaft.

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6. Jahrhundert 1 ). Den Ausgang der Seidenwurmzucht bildetChina. Sie wurde dort so geheim betrieben, daß Ausländerüber den Hergang bei der Erzeugung der Seide nicht dasmindeste erfahren konnten. Erst verhältnismäßig spät ge-langte die Kenntnis davon in das in Zentralasien gelegenekleine Königreich Khotan. Einstmals heiratete eine chinesi-sche Prinzessin den König dieses Landes, und, die Grenz-wächter täuschend, soll sie Seidenraupeneier und Maulbeer-samen mit sich genommen haben. Aber es steht nicht fest,ob um die Mitte des 6. Jahrhunderts die Seidenwurmzuchtin ihrer Verbreitung von Ost nach West schon über Khotanhinausgeschritten war. Jedenfalls stammte der größte Teilder Seide, die damals im Handel der westlichen Völkervorkam, aus China. Von da gelangte sie entweder auf demLandweg durch Karawanen oder auf dem Seeweg überCeylon in das Land der Perser, die mit großer Eifersuchtdarüber wachten, daß die Seide durch keine andere Handals die ihre zu den Byzantinern gelange. Gewisse Grenz-städte wurden bezeichnet, an welchen die aus Persien kom-menden Waren den Byzantinern verkauft werden sollten.Diese Plätze durften um so weniger umgangen werden, alssie zugleich Zollstädte waren. Strenge Gesetze, die aus dem5. Jahrhundert stammten, und die Justinian erneuert hat, be-straften mit Konfiskation der Waren und einer weiterenStrafsumme jedweden Betrug und jedwede Konterbande.Bis in die Einzelheiten waren die Bedingungen des Aus-tausches darin bestimmt: die Gegenstände, die zu verkaufenverboten war, und die Zölle, die man für diejenigen ent-richten mußte, die man kaufte. Das Hauptziel Justinians ging nun dahin, den byzantinischen Handel, namentlich denin der begehrtesten Ware, in der chinesischen Seide, vonPersien zu emanzipieren; denn das Monopol der Perser imSeidenhandel hatte für die byzantinische Volkswirtschaftunangenehme Folgen: bei jedem Bruch mit Persien stiegendie Preise der Seidengewebe, und da sie ein Gegenstand

1) Vgl. darüber Wilhelm Heyd , Geschichte des Levante-handels im Mittelalter. Stuttgart 1879, 1, 524.