Die byzantinische Volkswirtschaft. 201
sollte, fungierten die kaiserlichen Beamten nicht bloß alsZolleinnehmer, sondern zugleich als kaiserliche Kommissärefür den Einkauf von Rohseide. Was sie kauften, war zueinem großen Teil für die kaiserlichen Qynäceen in Kon-stantinopel, die unter Aufsicht des kaiserlichen Schatz-meisters standen, bestimmt. Hier wurde die Rohseide durchSklaven verarbeitet, gewebt und gefärbt, und alle Seiden-stoffe, die der Hof brauchte, gefertigt. Einzelne kostbareGattungen durften sogar nur in diesen Gynäceen fabriziertwerden. Die Seidenindustrie der Privaten war durch diekaiserlichen Gynäceen beschränkt und teils um ihren Absatzgebracht; doch durfte sie wenigstens noch neben ihnen be-stehen. Auch lieferten die kaiserlichen Zollbeamten nichtalle Seide, die sie ankauften, an den Hof. Sie waren sogarangewiesen, einen Teil der Seide an Private zu verkaufen,und zwar zum Ankaufspreis. Möglicherweise, daß dieSeidenhändler und Seidenfabrikanten die Ware dadurchbilliger erhielten, als wenn sie mit den Persern persönlichgehandelt hätten. Im allgemeinen aber konnte die Seidebei der Feindseligkeit der Perser nur eine teuere Ware sein.
Außer in den Gynäceen Konstantinopels hatte die grie-chische Seidenindustrie ihren Hauptsitz in den StädtenTyrus und Berytus. Syrien war überhaupt eine derblühendsten Provinzen des byzantinischen Reiches. SeineHauptstadt Antiochien schildert Prokop als die erstevon allen Städten im Morgenlande an Reichtum, Größe,Volkszahl, Herrlichkeit, und damit stimmt das Zeugnisanderer überein. Als aber Kaiser Justinian so niedereHöchstpreise für die Seidenstoffe festgesetzt, daß dabei wederKaufleute noch Fabrikanten bestehen konnten, und durchhohe Abgaben und sein Monopolsystem viele Arbeiter zur Aus-wanderung trieb, wurde dieser Glanz Syriens vorübergehendgetrübt. Doch dauerte dies nicht lange; die bald darauf er-folgende Einführung der Seidenwurmzucht machte die heimi-schen Seidenfabrikanten nicht mehr davon abhängig, daßsie ihren Rohstoff zu hohen Preisen vom Ausland kauften,sie konnten ihn jetzt mit wenig Kosten im eigenen Landerzeugen.