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Der wirtschaftende Mensch in der Geschichte : gesammelte Reden und Aufsätze / von Lujo Brentano
Entstehung
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Ethik und Volkswirtschaft in der Geschichte 35

bringen. Diese Ideale des Seinsollenden bilden dannauch den Maßstab bei ihrer Beurteilung der Er-scheinungen des Lebens, mit denen sie ihr Studiumbekannt macht.

Dieser Standpunkt der Jugend war auch der desDenkens über wirtschaftliche Dinge, als es sich inseiner Jugend befand. Er war lange Zeit das Hinder-nis der Entstehung einer selbständigen Wirtschafts-wissenschaft. Im Kampfe mit ihm hat sie sich empor-gerungen. Noch heute ist er die Hauptursache ihresrelativ langsamen Eortschreitens.

Lassen Sie mich in meiner heutigen Betrachtungdies zeigen.

Schon das Problem, das Aristoteles in seiner Po-litik wie in seiner Ökonomik sich stellt, besteht imwesentlichen stets in der Auffindung des besten Re-giments und des an sich guten Zustands. Indes nichthei ihm will ich verweilen; denn nicht unmittelbaraus dem Altertum, seinen Zuständen und seinem Denkenhat sich unser wirtschaftliches und soziales Denkenentwickelt. Wichtiger für uns ist das Mittelalter,das in seiner zweiten Hälfte von Aristoteles ja so sehrbeeinflußt worden ist und mit dessen Anschauungenwir heute vielfach noch ringen.

Sehen wir vom mittelalterlichen Wirtschaftsrecht,von Erörterungen über Wirschaftstechnik, von ein-zelnen Wirtschaftsheschreibungen und Wirtschafts-statistiken ab. so sind die mittelalterlichen Schrift-steller, die sich mit wirtschaftlichen Dingen beschäftigen,Moralphilosophen. *Der Standpunkt aber, von dem aussie an die Betrachtung der wirtschaftlichen Dingeherantreten, ist ein im voraus gegebener. Ihre durchdie kirchliche Lehre bestimmten Vorstellungen vomSeinsollenden sind maßgebend für ihre Beurteilung allerwirtschaftlichen Erscheinungen.

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