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Der wirtschaftende Mensch in der Geschichte : gesammelte Reden und Aufsätze / von Lujo Brentano
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Lujo Brentano

Dies mußte eine nahezu feindliche Haltung sowohlgegenüber der natürlichen Stellung der Menschen zuden wirtschaftlichen Gütern, als auch gegenüber derHaupttriebfeder des wirtschaftlichen Handelns undebenso gegenüber der weiteren Entwickelung des Wirt-schaftslebens zur Folge haben.

Ist doch der Gegenstand der Wirtschaftslehre dasIrdische und ihre Aufgabe die Untersuchung der Be-dingungen, welche die Zunahme und Verteilung derirdischen Güter bestimmen. Das Evangelium dagegenhatte die Menschen verschiedentlich vor dem Trachtennach Reichtum gewarnt 1 ), und die Kirchenväter hattenseine Lehre in alle ihren Konsequenzen ausgebildet.Daher ihre Lehre von der Verdienstlichkeit der Welt-flucht, Lossagung vom Materiellen, Unterdrückung desSinnlichen, Zurückziehung des Geistes in sein eigenesSelbst erschien als die höchste Aufgabe des sittlichenStrebens, Entsagung dem Irdischen und allem Eigen-tum als die höchste Vollendung.

Während neuere Nationalökonomen von demMenschen ausgehen als von einem Wesen, das von demStreben nach Reichtum beherrscht ist, hatte der heiligeHieronymus geschrieben 2 ): Dives aut iniquus, aut

*) Vgl. Matth. VI 19, 20, 2434. Lucas XII 33, 34, 2230.Marcus IV 19. Matth. XIX 21. Marcus X 21. Lucas XVIII 22.Lucas VI 20, 21, 24, 25. Vgl. auch Jacob. I 911, II 1, 5, 6,V 1, 5, 6.

2 )Onines enim divitiae de iniquitate descendunt, et nisialter perdiderit, alter non potest invenire. Unde et illa vulgatasententia mihi videtur esse verissima. Ditfes aut iniquus, aut ini-qui haeres. Hieronymus ad Hedibiam. Migne, Patrologia latinaXXII 984. Der katholische Kirchenhistoriker Funk hat in denhistorisch-politischen Blättern (139, 12. S. 888ff.) den hl. Hierony-mus als meinen Hauptgewährsmann bezeichnet und gegen denseiner Schrift ad Hedibiam entnommenen Satz geltend gemacht,daß es sich bei demselben um ein Zitat handle und zwar um ein