Ethik und Volkswirtschaft in der Geschichte 37
iniqui haeres. Daher vor allem denen, welche Gott aus-erwählt hat, die anderen zur Tugend zu leiten, denGeistlichen, die Sorge für irdische Dinge auf dasstrengste verboten war. „Die Tonsur“, sagt der heiligeHieronymus 1 ), „bedeutet den Verzicht auf alles Irdische.Die sie empfangen, sollen, zufrieden mit Lebensunter-halt und Kleidung, ohne daß einer Sondereigentumbesitze, alles miteinander gemein haben“. Nur denLaien sei es erlaubt, irdische Güter zu besitzen, aberauch ihnen nur zum Gebrauch. Die Kirchenvätersehen nämlich im Eigentume keineswegs eine natur-rechtliche Einrichtung. Das Natürliche ist ihnen der
Sprichwort aus dem Munde der Heiden: „Demgemäß ist das Haupt-zeugnis über den Reichtum, das Brentano aus den Kirchenväternangeführt, nicht etwa diesen eigentümlich oder spezifisch christ-lich; es reicht in die heidnische Welt zurück, und als der Aus-druck eines in dieser herrschenden Anschauung ist es schwerlichals Zeugnis für eine Auffassung zu verwenden, die erst durchdas Christentum in die Welt gekommen sein soll.“ Diese Ablehnungdes Ausspruchs des hl. Hieronymus und die Art seiner Begründungsetzt angesichts des Ausspruchs Christi vom Kamel, das eher durchein Nadelöhr geht, als ein Reicher ins Himmelreich kommt, undder übrigen in der vorstehenden Anmerkung zitierten Bibelstelleneinigermaßen in Staunen; auch müßte vieles, das erst durch dasChristentum in den Vordergrund gelangt ist, als christlich ab-gelehnt werden, wollte man allem den Charakter als christliche Lehreverweigern, was dieser mit Anschauungen, die schon vor ihr vor-kamen, gemein ist. Im übrigen ist es keineswegs Hieronymus allein, der so spricht. Ähnlich erklärt Augustinus (Migne XXXVI552) die Stelle bei Lukas XVI, 1—2 „Fac tibi amicos de mammona.iniquitatis“ folgendermaßen: „Fortasse ea quae aquisisti, de ini-quitate aquisisti; aut fortasse ea ipsa est iniquitas, quiatuhabeset alter non habet, tu abundas et alter eget. De ista mammonainiquitatis, de divitiis istis quae iniqui vocant divitias, fac tibiamicos et prudens eris; comparas tibi, non fraudaris“.
*) Vgl. Decr. Grat. II C. 12 qu. 1 c. 7. Caput inertum. Vgl.aber Hieronymus ad Nepotianum (Migne XXII 527 ff; ferner Au-gustinus, De Vita et moribus clericorum suorum. (Migne XXXIX1568—1581).