Ethik und Volkswirtschaft in der Geschichte 59
tum an irdischen Gütern, das Streben nach ihrem Er-werb und nach Reichtum, sowie der Handel, weil natur-notwendig, als Bestandteile der von Gott gewolltenOrdnung, ja wurde seihst das Zinsnehmen nunmehrgerechtfertigt 1 ), so mußte die Kritik, die selbst aufdem heiligsten Gebiete fortan von jedem Einzelnen anden überkommenen Lehren an der Hand der Bibelgeübt werden sollte, notwendig auf die Selbständigkeitdes Einzelnen auf allen Gebieten zurückwirken. Politischnoch wichtiger aber war die Calvinistische Kirchen-verfassung. Nach Calvin ist der Gläubige dem Staatnur in weltlichen Dingen unterworfen. In allem Geist-lichen und Kirchlichen hat die weltliche Gewalt nichtszu sagen. Hier ist die Kirchengemeinde souverän. Siedarf nicht nur gegen Glaubensentscheidungen desStaats, sondern muß sich gegen sie auflehnen, wo siedem Glauben zuwider sind, und wann dies der Fallist, entscheiden die Einzelnen, welche die Gemeindebilden.
Danach war also das Verhältnis von Kirche undStaat, wie es nach Calvin bestehen sollte, tatsächlichwenig von dem verschieden, für welches die katholischeKirche Jahrhunderte lang gekämpft hatte. Aber ineinem Unterschied machte sich die Grundverschieden-heit des alten und neuen Glaubens geltend. In derkatholischen Kirche herrschten Autorität und Traditionüber den Glauben; sie strebte nach Herrschaft überden Staat, damit er die einzelnen zwinge, ihre Autori-tät anzuerkennen. Nach Calvin ist aber der GlaubeSache des Gewissens und der göttlichen Erleuchtungder Einzelnen und die Kirche die Summe dieser