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Der wirtschaftende Mensch in der Geschichte : gesammelte Reden und Aufsätze / von Lujo Brentano
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Lu jo Brentano

gezeigt, welches Übergewicht höhere ethische Motiveüber die egoistischen bei den Massen eventuell zu er-langen vermögen. Und wenn Machiavelli eben desSavonarola Schicksal als Beleg dafür anführt J ), daßnur die bewaffneten Propheten siegen und die unbe-waffneten untergeben, so lag darin eine Verkennuugjener ethischen Kraft, welche, wie sie früher demChristentum die weltliche Macht in die Hand gegeben,die es zum Siege geführt hat, so auch zukünftigenPropheten die Waffen schaffen sollte, um eben den bloßauf egoistischer Pfiffigkeit aufgebauten Regierungs-systemen den Untergang zu bereiten.

Dies führt zu der zweiten Emanzipation, die nebender heidnischen stattfand, zu der auf christlicherGrundlage.

Um dieselbe Zeit, da Machiavelli in Florenz wirkteund schrieb, entstand nördlich der Alpen eine religiöseBewegung, welche der auf alle bedeutungsvollen Er-scheinungen seiner Zeit so achtsame Mann mit keinemWorte berücksichtigt hat, die Reformation. Es istnicht meine Aufgabe, mich über die von den Refor-matoren vorgetragenen Lehren irgendwie kritisch zuäußern. Aber diejenigen ihrer Lehren muß ich hervor-heben, die auf die Umgestaltung des politischen Lebensund Denkens von dem größten Einfluß gewesen sind.Die eine war die, daß der Mensch von Gott in dieWelt gesetzt sei, nicht damit er die Welt fliehe, sonderndamit er in der Welt Gott diene; die andere, daß dasIndividuum in seiner innersten heiligsten Überzeugungsich keiner äußeren Autorität zu beugen habe, sondernallein der selbsterkannten göttlichen Wahrheit. Tratdie erste in Widerspruch mit der bis dahin empfohlenenLossagung von allem Irdischen, erschienen das Eigen-

) II pi-ineipe, cap. 6.