Ethik und Volkswirtschaft in der Geschichte 57
fälle der Geschichte sind ihm ausschließlich das Werkgroßer Männer. Die Macht, welche er der Kunst desStaatsmanns zuschreibt, seinem Willen und seinerKlugheit, den Institutionen und Gesetzen, die er er-denken kann, wenn er die nötige Begabung und Energiebesitzt, hat also keine Grenzen. Das ist der Grund,warum sich denn auch der Mann nicht gefundenhat, der Italien entsprechend seinen Träumen geeinigthat; an hervorragenden Männern, welche die dazunötige Begabung besessen hätten, hat es dem damaligenItalien gewiß nicht gefehlt, wohl aber an den unent-behrlichen Bedingungen seines erfolgreichen Wirkens.Vor allem aber sollten sich die verhängnisvollenWirkungen dieses Irrtums zeigen, als der Machiavellis-mus im Merkantilsystem seine Anwendung auf dasWirtschaftsleben fand. Es gewann die VorstellungGeltung, als ob es lediglich von der Intelligenz undEnergie der Herrschenden abhänge, um durch wirt-schaftspolitische Maßregeln, trotzdem sie einanderwidersprachen oder die natürlichen Verhältnisse ihrenErfolg geradezu ausschlossen, jedwedes gewollte Zielzu erreichen.
Der zweite Hauptirrtum Machiavellis lag aufethischem Gebiete. Gewiß, darin, daß er lediglich das,was wirklich war, ins Auge faßte, lag der durch ihnbewirkte Fortschritt; aber indem er von dem Menschenals einem ausschließlich egoistischen Wesen ausging,sah er doch nur die Hälfte der menschlichen Natur.Zu seinem Menschen hatte die sittlich verkommeneGesellschaft der oberen Klassen Italiens Modell gesessen.Aber während der Sittenverfall bei diesen eingerissen,war das eigentliche Volk brav und tüchtig geblieben 1 ),und in Florenz selbst hatte die Bewegung Savonarolas
*) Vgl. Villari a. a. 0. III 332.