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Der wirtschaftende Mensch in der Geschichte : gesammelte Reden und Aufsätze / von Lujo Brentano
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Lu jo Brentänö

Indem Machiavelli bei seiner Erforschung desSeienden von dem Menschen der Renaissance ausging,gelangte er nun zu einem Menschen, der sein eigenesSelbst zum Mittelpunkt des Universums macht. Egois-mus ist die särkste Triebfeder seines Handelns. AlleRande der Pflicht zerreißt er bei jeder Aussicht aufeigenen Vorteil. Dabei ist dieser Egoismus wesentlichwirtschaftlicher Natur. Der Mensch, sagt Machiavelli 1 ),verzeihe eher den Tod seines Vaters als den Verlustseines Vermögens. Und da er davon ausgeht, daß alleMenschen gleich sind und ewig unter allen Umständensich gleich bleiben, ist ihm dieser Mensch der Mensch.

So groß nun die Förderung war, welche die Staats-wissenschaft dadurch erfahren, daß Machiavelli sie vondem, was die Menschen tun sollten, auf das, was siewirklich tun, gelenkt hat, so lagen seiner Betrachtungs-weise doch zwei tiefgreifende Fehler zu Grund.

Geht Machiavelli auf die Natur des Menschenzurück, so fehlt ihm doch noch jede Einsicht in dieNatur der Dinge. Er weiß noch nichts von not-wendigen Zusammenhängen, welche die Erscheinungendes gesellschaftlichen Lebens verbinden. Die Wechsel-

müßte dann auch auf eine entsprechende Handlungsweise bei denanderen rechnen können. Seht Ihr nicht selbst ein, wie es inder Welt so weit gekommen ist, daß der, der am schlauesten istund am listigsten zu Werk geht, am meisten gelobt und als derTüchtigere geschätzt und gepriesen wird, während man von dem,der das Gegenteil tut, sagt: er ist ja ein ganz guter Kerl, aberes ist nicht viel mit ihm los? Und diesen Namen eines gutenKerls erreicht er, aber auch weiter nichts.-Wer auf ehrlicheWeise zu Werk geht, wird als Schafskopf behandelt (Chi va bona-mente vien trata da bestia). Ganz anders hatten die Kirchen-väter geredet. Vgl. Lactantii Divin. Instit. 1. V cap. 17, 18.Migne VI, 602 ff.

*) II principe, cap. 17.