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Der wirtschaftende Mensch in der Geschichte : gesammelte Reden und Aufsätze / von Lujo Brentano
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Ethik und Volkswirtschaft in der Geschichte

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Beobachtungen, welches Italien in Jahrhunderten an-gesammelt hatte, gewissermaßen einheitlich ordnete,zu dem Begründer der modernen Staatswissenhaft, zuMachiavelli .

Was Machiavelli und seine Schriften in Gegensatzzu den mittelalterlichen Schriftstellern stellt, ist seinvölliges Absehen von vorgefaßten ethischen Urteilen.Er befand sich damit nur im Einklang mit den zeit-genössischen Staatsmännern Italiens , mit den weltlichenwie mit den kirchlichen.Viele, so schreibt er aneiner berühmten Stelle 1 ),haben sich Republiken undFürstentümer vorgestellt, wie maii sie niemals gesehen,noch in der Wirklichkeit gekannt hat. Es ist aberzwischen dem Menschen, wie er ist, und dem, wie ersein soll, ein so großer Unterschied, daß, wer nichtachtet, was man tut, und sich allein damit beschäftigt,was man tun sollte, eher sein Verderben lernt als seineErhaltung. In der Tat müßte ein Mann, der sich inallen Stücken stets tugendhaft zeigen wollte, in derMitte so vieler, die es nicht sind, zugrunde gehen.Um sich daher auf dem Throne zu erhalten, muß einFürst lernen, nicht tugendhaft zu sein, und sich dannin seinen Handlungen durch die Notwendigkeit be-stimmen lassen. Ich will also nichts von einem idealenFürsten sprechen, sondern mich an die Wirklichkeithalten 2 ).

*) II principe, cap. 15.

a ) Ganz ähnlich sagte der erste große Bekämpfer Machiavellis ,IvardinalPole:Quanto quisprivatam vitamagens Christi similiorerittanto minus aptus ad regendum id munus judicio hominum existi-mabitur. (Vgl. Lord Acton in seiner Einleitung zu Burds Ausgabedes Principe. Oxford 1891 p. XXVII.) Papst Clemens VII. (vgl.Acton ibid. XXI) sagte ähnlich zu Contarini:Gewiß erkenne ichan, daß Ihr die Wahrheit sagt, und daß Ehrlichkeit wie Pflichtes erheischen würden, so zu handeln, wie Ihr es andeutet; aber man