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erhalten sollten. Diese, häufig Personen dunklen Ur-sprungs und genötigt, sich der Gewalt unter tausendGefahren zu bemächtigen und gegen tausend Feindesich zu behaupten, befänden sich im Zustand einesbeständigen Kriegs, in dem sie sich alles erlaubten.Das Schlechte fing für sie erst an, wo die Opportunitätoder der persönliche Nutzen auf hörte ; wo es zur Er-reichung der Zwecke dienlich schien, wurde es un-bedenklich angewandt. Weiter zu gehen war aber
auch kein Verbrechen. Es galt nur als eine einesStaatsmanns unwürdige Torheit, unwürdig, weil eskeinen Vorteil brachte. Gewissensbisse kannten sienicht; ihr Verstand berechnete und bemaß alles. Unddieser Sittenverfall zeigte sich nicht nur in den welt-lichen Staaten, er herrschte ebenso in der Kirche.
Welch klaffender Widerspruch zwischen Lehreund Wirklichkeit! Die mittelalterlichen Lehrer hattendie erhabensten Lehren über das Seinsollende vor-getragen ; diese Lehren waren von allen mit Be-geisterung aufgenommen worden; aber wer hatte darangedacht, ihnen Folge zu leisten? Von den wildestenLeidenschaften beherrscht, fuhren die Menschen fort,sich zu zerfleischen. Da die Lehre der Natur derMenschen und Dinge zu wenig Rechnung getragen,war es ihr auch unmöglich gewesen, das wirklicheHandeln der Menschen zu leiten.
Dieser Widerspruch führte zu einer neuen, vonder Beobachtung des wirklichen Lebens ausgehendenBetrachtungsweise. Allmählich ist sie herangereift.Allein ich kann hier nicht ihren Werdegang schildern 1 ).Ich eile zu dem, der das ungeheuere Material von