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Der wirtschaftende Mensch in der Geschichte : gesammelte Reden und Aufsätze / von Lujo Brentano
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Ethik und Volkswirtschaft in der Geschichte

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des ökonomischen Denkens von der überkommenen Lehrevom Seinsollenden ?

Sie vollzog sich auf zweifache Weise. Wir habenes zu tun mit einer heidnischen Emanzipation und miteiner Emanzipation auf christlicher Grundlage. Mankann die erstere auch die .Rebellion der Staatsräsongegen die Oberherrschaft der Kirche, die zweite dieAuflehnung des Individuums gegen Bestimmung seinesGewissens durch Autorität und Tradition nennen.Beiden gemein ist das Zurückgreifen auf das Ursprüng-liche gegenüber dem Überkommenen. Beide haben inerster Linie nichts mit wirtschaftlichen Dingen unddem ökonomischen Denken zu tun. Aber so tiefgreifendist der Einfluß beider, daß er auch in der Welt desWirtschaftslebens sich fühlbar macht und wir, ohneuns ihrer bewußt zu werden, den Umschwung, der auchin der Betrachtung des Wirtschaftslebens eintritt, nichtzu begreifen vermögen.

Die heidnische Emanzipation begann in Italien .Hand in Hand mit dem Aufblühen des Handels imGefolge der Kreuzzüge hat hier die Auflösung derständisch gegliederten Gesellschaft am frühesten statt-gefunden. Aber es fehlte in Italien eine Macht, diestark genug gewesen wäre, die Individuen, in welchedie Gesellschaft nunmehr zerfiel, zusammenzufassenund ihre Kraft einer nationalen Organisation dienstbarzu machen. Die Eolge war nicht nur ein Kampf derStädte, um sich ihrer Selbständigkeit gegeneinanderzu erwehren, sondern es bestand auch innerhalb einerjeden einzelnen Stadt keine Einheit. Das Individuumwurde auf sich gestellt und bei der Wahrung seinesInteresses nur von Selbstsucht geleitet. Das Endewar, daß die Städte Tyrannen anerkennen mußten,welche gegenüber der Anarchie im Innern Ordnungschaffen und die Selbständigkeit nach außen aufrecht-