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Lujo Rrentano
ein „Zerrbild der katholischen Lehre“ entworfen haben,und alles, was ich über die Weltflüchtigkeit der Lehredes christlichen Altertums, über die Lehre der Vätervom Reichtum und Eigentum gesagt habe, soll ebensounhaltbar sein wie meine Auffassung der kirchlichenLehre vom Handel. Nun ist es mein ernstes Bestrebengewesen, die wirtschaftlichen Lehren des christlichenAltertums richtig darzustellen. Der mir gewordeneTadel wurde mir daher ein Anlaß, mich aufs neuemit der Frage zu befassen. Ich biete im folgendendie Ergebnisse meiner erneuten Prüfung. Dabei seies mir gestattet, mich an die Reihenfolge der einzelnenLehren zu halten, in der ich sie bereits in meinerRede vorgetragen habe. Es ist dies die logischeOrdnung, in der eine Lehre aus der anderen her-vorgeht.
Ich habe mit dem Hinweis begonnen, daß Gegen-stand der Wirtschaftslehre das Irdische und ihre Auf-gabe die Untersuchung der Bedingungen sei, welchedie Zunahme und Verteilung der Güter beherrschen.Das Evangelium dagegen habe die Menschen ver-schiedentlich vor dem Trachten nach Reichtum gewarnt,und die Kirchenväter hätten seine Lehre in allenihren Konsequenzen ausgebildet.
Sollten auch diese Behauptungen etwa bestrittenwerden? — Dann sei mir gestattet, von allen Stellender Evangelien, auf die ich in den Anmerkungen meinerRede verwiesen habe, nur eine anzuführen. Allerdings,wer kennt sie nicht? Aber sie ist für die Entwick-lung der kirchlichen Lehre die wichtigste geworden;es ist jene Erzählung von dem reichen Jüngling, diefast gleichlautend bei Matthäus, Marcus und Lucassich findet. Ich gebe den Wortlaut bei MatthäusXIX, 16 ff.:
„Und siehe, einer trat zu ihm und sprach: Guter