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Der wirtschaftende Mensch in der Geschichte : gesammelte Reden und Aufsätze / von Lujo Brentano
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127
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Die wirtschaftlichen Lehren des christlichen Altertums 127

ihnen allen demnach als Sünde, ein bereits vorhandenesBedürfnis eines einzelnen auszunützen, um ihm einenhöheren Preis abzunötigen, so galt es ihnen allen be-greiflich noch weit sündhafter, künstlich eine Bedürfnis-lage hervorzitrufen, bei der man höhere Preise erzielenkonnte. Daher sie sich denn in flammenden Wortengegen die Bestrebungen wenden, künstlich den Preisdes Getreides zu steigern 1 ).

Wer den Preis des Getreides erhöht, ist vomVolke verflucht, zitiert Basilius 2 ) aus den SprüchenSalomonis.Erwarte, fährt er fort,keine Hungers-not um des Goldes willen; nicht allgemeine Not, umdeinen Reichtum mehren zu können! Wuchere nichtmit menschlichem Unglück! Benutze nicht den ZornGottes, um Schätze zu sammeln! Reiße nicht auf dieWunden der durch Geißelhiebe Zerfleischten! AufGold siehst du; auf den Bruder aber nimmst dukeineRücksicht; du kennst das Gepräge der Münze undunterscheidest von der echten die falsche; den Bruderaber verkennst du zur Zeit der Not ganz und gar.

Aber nicht nur der, welcher Getreide aufkauft,um es teuerer wieder zu verkaufen, wird also ver-urteilt; genau so der Landmann, der den Preis dessen,was seine Scheunen füllt, zu steigern bemüht ist, in-dem er verhindert, daß Getreide zu Marktgebracht werde.

) Angesichts der so zahlreichen Ausführungen der Väterdes 4. Jahrhunderts gegen den Brotwucher scheint mir zweifelhaft,ob Büchers Satz, daß in den antiken Städten der Staat es war,der das Brot selbst auf den Markt brachte (Zeitsehr. f. d. Ges.Staatswiss. L, 201), ausnahmslos zutrifft.

-) Über den Spruch in dem Evangelium nach Lukas XII,18:Niederreißen will ich meine Scheunen und größere bauen,Migne, Patr. graeca XXXI, 208.