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Der wirtschaftende Mensch in der Geschichte : gesammelte Reden und Aufsätze / von Lujo Brentano
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129
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Die wirtschaftlichen Lehren des christlichen Altertums 129

nicht fremde, sondern eigene Frucht verkaufe, . . .wo ist da die Spur von Ungerechtigkeit? . . . Aber,erwidert Ambrosius *), was wendest du das, was dieProduktivkraft und Güte der Natur dir bietet, zurUngerechtigkeit? Warum neidest du dem allgemeinenGebrauche, was für alle gewachsen ist ? Warum strebstdu danach, den Völkern ihren Überfluß zu mindern?Was willst du Not künstlich herbeiführen? Warumwillst du bewirken, daß die Armen geradezu wünschen,es möge Mißernte und Unfruchtbarkeit eintreten? Wennsie nämlich doch nichts von den Wohltaten der Frucht-barkeit haben, da du den Preis dadurch, daß du Ge-treide vom Markte zurückhältst, in die Höhe treibst,so müssen sie ja wünschen, daß überhaupt nichtswachse, damit du nicht mit dem allgemeinen HungerGeschäfte machst. Du gehst auf Mangel an Getreideaus, auf Knappheit der Lebensmittel, du seufzest überdie Erträge reicherer Böden, du weinst über die all-gemeine Fruchtbarkeit und siehst mit trübem, miß-günstigem Blick auf die gefüllten Lagerhäuser. Imvoraus suchst du zu berechnen, wann der Ertrag ge-ringer sein wird, und ergehst dich in Wünschen, daßder Fluch erfüllt sein werde, daß nirgendswo etwaswachse. Dann, jubelst du, sei deine Ernte gekommen;denn dann sammelst du aus dem Elend der anderenSchätze für dich, und das nennst du Fleiß, das Umsicht,während es doch nichts ist als verschlagene List undPfiffigkeit des Unredlichen. Und das nennst du einHeilmittel, während es nichts ist als Bosheit. Soll ichda von Gewinn oder nicht viel mehr von Raub sprechen?Solche Not erstrebst du wie ein beutereiches Kriegs-jahr, um als harter Verfolger in die Eingeweide derMenschen dich einzuschleichen. Für dich bedeutet die

*) Ibid. Nr. 41, p. 166.

L. Brentano , Der wirtschaftende Mensch.

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